Der tägliche Kampf gegen Corona auf einer Bremer Isolierstation

Atmen ist das natürlichste der Welt: Was aber, wenn die Lunge nicht mehr mitmacht? Ein Besuch auf der Covid-Intensiv- und Isolierstation im Bremer St. Joseph Stift.

Video vom 24. Februar 2021
Zwei Ärzte stehen mit voller Schutzausrüstung um einen Patienten herum, der im Bett liegt und an Covid-19 erkrankt ist.
Bild: Radio Bremen

Die Schläuche führen durch einen Schnitt unterhalb des Kehlkopfes direkt in die Luftröhren der Frauen. Ihre Körper vibrieren, wenn die Maschinen neuen Sauerstoff in die kranken Lungen pumpen. Im monotonen Takt heben und senken sich ihre Brustkörbe. Ohne die Maschinen würden die schwerkranken Patientinnen wohl in kürzester Zeit versterben. Das Corona-Virus zeigt bei ihnen seine zerstörerische Kraft.

Die Frauen liegen auf der Intensivstation des St. Joseph Stift in Schwachhausen am Rande der Bremer Innenstadt. Sie und noch ein weiterer Mann werden hier wegen ihrer Covid-19-Erkrankung künstlich beatmet. Es sieht nicht besonders gut für sie aus. Und jeden Tag, den sie beatmet werden, steigt das Risiko, dass sich ihre Lungen von der Erkrankung nicht mehr erholen.

Covid-19: "Es fühlt sich an wie Ersticken"

Eins der Geräte piept im schrillen Ton. Ein Pfleger greift zu einer Art Absaugkanüle und schiebt sie in den Beatmungsschlauch einer der Patientinnen. Schleim hat sich in den Atemwegen angesammelt und muss schnell abgesaugt werden. "Es fühlt sich an wie Ersticken", erklärt uns der leitende Arzt der Intensivstation Andreas Tscheu. "Die Patienten bekommen dann immer schnell Panik."

Ein Mann mit Gesichtsmaske und Plastikschild vom dem Gesicht steht in einen Krankenzimmer.
Immer häufiger müssen auch jüngere Menschen mit schweren Covid-19-Verläufen im St. Joseph Stift behandelt werden. Bild: Radio Bremen

Die Frau, bei der sie den Schleim absaugen, liegt seit zweieinhalb Wochen auf der Intensivstation. "Das ist eine 45-jährige Patientin, die von Zuhause direkt zu uns zur Aufnahme kam, schwere Luftnot Zuhause gehabt, dann vom Rettungsdienst eingeliefert worden, und dann unmittelbar auf die Intensivstation gekommen. Wir mussten sie dann auch unmittelbar beatmen", sagt der leitende Arzt.

Schwere Verläufe auch bei jüngeren Patienten

Mehr als 30 Covid-19-Schwersterkrankte haben sie auf der Intensivstation des St. Joseph-Stift seit Beginn der Pandemie betreut. In Bremen-Stadt übernimmt das Krankenhaus etwa ein Viertel aller Corona-Intensivpatienten. 18 Betten hat die Intensivstation, je nach Bedarf werden die mit Covid-Patienten belegt. Im Schnitt liegen die Erkrankten drei Wochen hier, bevor sie auf eine andere Station verlegt werden oder sterben.

Noch immer unterschätzen viele das Virus, sagt der leitende Arzt, aber es könne schnell gefährlich werden, und zwar für jeden.

Wir hatten in der ersten Welle viele schwerkranke alte Patienten gehabt. Inzwischen sehen wir Patienten gehäuft im mittleren Lebensalter, teils junge Patienten. Der jüngste Patient war 27 Jahre, den wir hier behandelt hatten mit einem schweren Atemversagen.

Andreas Tscheu, Arzt der Covid-Intensivstation

Eine Herausforderung für die Ärztinnen und Ärzte, Pfleger und Krankenschwestern des katholischen Krankenhauses, denn trotz Schutzkleidung haben sich schon Mitarbeitende angesteckt.

Ein Gerät im Krankenhaus überwacht den Herzschlag eines Patienten.
Mehr als 30 Patienten mit einem schweren Krankheitsverlauf sind seit Pandemiebeginn im St. Joseph Stift behandelt worden. Bild: Radio Bremen

"Gerade bei Notfällen, die auf der Intensivstation ja immer wieder vorkommen, wie Reanimationen, und man ist außerhalb des Zimmers, da muss man sich relativ schnell irgendwie behelfsmäßig einen Kittel überwerfen. Man geht mit einem mulmigen Gefühl rein, um den Patienten zu retten, und denkt schon, kann man sich anstecken?", sagt Christoph Beimesche, er ist Pflegeleiter der Station.

Nicht jeder Patient kann gerettet werden

In einem anderen Zimmer liegt der dritte Covid-Intensivpatient. Auch in seinem Hals steckt ein Beatmungsschlauch. Seit fast einem Monat liegt er hier und muss alle zwölf Stunden gedreht werden, damit er sich nicht wund liegt. Sein Körper wirkt leblos, es ist nur schwer vorstellbar, dass dieser Mensch zurück in ein normales Leben finden wird.

Nicht jeden Covid-Erkrankten konnten sie retten. Sieben sind hier gestorben. An einen älteren Herrn erinnert sich der leitende Arzt Andreas Tscheu noch besonders gut. "Er hat gesagt, er möchte nur keinen Stress haben, gebt mir Morphin. Und wir haben ihn hier auf der Intensivstation begleitet. Er hatte noch einen letzten Musikwunsch, den konnten wir ihm dann auch umsetzen. Er ist damit dann auch ruhig eingeschlafen."

Ansteckende Patienten müssen auf die Isolierstation

In einem anderen Trakt des Krankenhauses liegen weitere Covid-19-Erkrankte. Es ist eine Isolierstation für ansteckende Patienten, die nicht intensivmedizinisch behandelt werden müssen. Neun Patienten sind es aktuell. Früher gehörte der Trakt zur allgemein- und unfallchirurgischen Station. Nun gleicht er einer Raumstation. Die Krankenschwestern und Pfleger arbeiten hier nur in Schutzanzügen, über den FFP-Masken tragen sie Plexiglasvisiere.

Zwei Menschen stehen neben einem Krankenhausbett und kümmern sich um eine Covid-19-Patientin.
Psychisch wie physisch ist die Arbeit mit Corona-Patienten belastend. Bild: Radio Bremen

In einem der Zimmer tupfen sie gerade Flüssigkeit auf die Lippen einer älteren Dame. Sie liegt in ihrem Bett, wirkt sehr gebrechlich. Die meiste Zeit sind die Patienten alleine auf ihren Zimmern, denn Besuch dürfen sie nur in absoluten Ausnahmefällen bekommen.

Es gibt Telefone in den Zimmern, aber viele sind körperlich nicht in der Lage, die zu benutzen. Und so bleibt das Pflegepersonal in den Schutzanzügen oft der einzige zwischenmenschliche Kontakt.

Die Einsamkeit ist ein großes Problem, sagt die zuständige Pflegeleiterin Tomke Popp. "Diese ganzen psychischen Aspekte, die normalerweise die Angehörigen abfangen, das müssen wir gerade alles abfangen. Wir haben ja die Möglichkeit, dass wir von deren Telefon nochmal Zuhause anrufen, aber das ist in vielen Situationen nicht mehr möglich, weil es den Patienten so schlecht geht."

Und die sterben dann reell alleine. Wir versuchen immer so weit es geht reinzugehen in die Patientenzimmer und uns die Zeit zu nehmen, aber auch unsere Kraft ist einfach begrenzt.

Tomke Popp, Pflegeleiterin

Die zerstörerische Kraft des Virus bringt auch die Mitarbeitenden seit Monaten an ihre Grenzen, körperlich und emotional. Sie können nicht verstehen, dass viele Menschen die Gefahr nicht besonders ernst nehmen. Sie sehen, was das Virus anrichten kann und kämpfen Tag für Tag um das Leben von Covid-19-Patienten.

Ausgeklatscht: Wann werden die Bedingungen in der Pflege besser?

Video vom 12. August 2020
Pflegerin Stefanie Lienemann, mit Mundschutz und Handschuhen, kümmert sich um eine Person im Rollstuhl.
Bild: Radio Bremen

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Autor

  • Uwe Wichert Redakteur und Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 24. Februar 2021, 19:30 Uhr