So erleben Schwangere und Mütter in Bremen die Coronakrise

Darf mein Partner bald nicht mehr in den Kreißsaal? Bin ich jetzt sozial isoliert? Schwangere und Mütter aus Bremen und umzu erzählen von ihren Ängsten in Zeiten von Corona.

Eine schwangere Frau fühlt ihren Bauch (Symbolbild)
Viele schwangere Frauen sind durch die Coronakrise verunsichert. Bild: Imago | Westend61

Zumindest das mit dem Kinderwagen hat gerade noch so geklappt: "Den haben wir letzte Woche noch schnell abgeholt, bevor dann die Länden geschlossen wurden", erzählt Madeleine Wolfram. Sie ist gerade hochschwanger, in drei Wochen soll das Baby kommen. Eigentlich wollte sie die letzten Wochen vor der Schwangerschaft noch einmal so richtig genießen, sich gedanklich in Ruhe auf die Geburt vorbereiten. Doch Corona hat alles durcheinander gewirbelt. "Diese Wochen jetzt sind wirklich grausam. Ich frage mich oft: Was passiert, wenn ich das Virus jetzt bekommen sollte?"

Welche Auswirkungen das neuartige Coronavirus auf die Schwangerschaft hat, ist bislang noch kaum erforscht. Allerdings gehen Experten derzeit davon aus, dass Schwangere durch Covid-19 nicht gefährdeter sind als die allgemeine Bevölkerung. Laut Deutscher Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe gibt es keine Hinweise darauf, dass ein erhöhtes Risiko für Fehlgeburten besteht oder dass das Virus während der Schwangerschaft auf das Baby übertragen werden kann.

Schwangere treibt gerade nicht nur die Sorge vor einer Ansteckung um

Madeleine Wolfram macht sich trotzdem Sorgen, aber nicht nur über eine mögliche Ansteckung. Ihre Gedanken kreisen momentan ständig um die Geburt und die Frage, ob sie dann im Kreißsaal alleine sein wird. Einige Kliniken in Deutschland haben bereits ein Begleitverbot für den Kreißsaal erlassen. Das bedeutet, der Mann oder eine andere Vertrauensperson dürfen nicht mehr bei der Geburt dabei sein. Bei Madeleine Wolfram ist es ihre Mutter, die sie während der Geburt begleiten wird - so ist es geplant. "Wenn sie jetzt nicht mehr in den Kreißsaal dürfte, das wäre schlimm", sagt die 30-Jährige, die ihr Kind im St. Joseph-Stift zur Welt bringen möchte.

Auf den Bremer Geburtsstationen und in Bremerhaven gibt es derzeit noch kein Begleitverbot - und bislang sei das auch nicht geplant, heißt es von Seiten des Bremer Klinikverbundes sowie von Diako und St. Joseph-Stift. Im Klinikum Bremerhaven gelte die Regelung aktuell bis auf Weiteres, könne aber natürlich in Anbetracht der möglicherweise kommenden Infektionszahlen geändert werden, so die Pressestelle. Aus Sicht der Bremer Gesundheitsbehörde ist nach aktuellem Stand ein Ausschluss der Väter aus dem Kreißsaal nicht erforderlich.

Eine Entscheidung, die die Bremer Hebamme Katharina Jeschke begrüßt:

Eine Geburt ist eine Team-Leistung. Frauen brauchen ihren Partner dabei.

Katharina Jeschke, Hebamme

Auch wenn in Bremer Kliniken eine Begleitperson im Kreißsaal weiterhin erlaubt ist, spürt die Hebamme bei vielen Frauen momentan eine große Verunsicherung: "Viele werdende Mütter, mit denen ich spreche, haben keine Angst, an Corona zu erkranken, sondern bei der Entbindung alleine zu sein." Auch ohne Coronakrise fehle es in den Kliniken an Personal, eine Eins-zu-Eins-Betreuung im Kreißsaal sei deshalb gar nicht möglich. "Wenn der Partner also nicht dabei sein dürfte, wäre die Frau dort über lange Strecken alleine", so Jeschke.

An Hebammen fehlte es in Bremen schon vor der Coronakrise

Hinzu käme die Sorge der Frauen darüber, wie es in Zeiten von Corona überhaupt in den Kliniken laufe. "Es gibt jetzt schon eine verstärkte Nachfrage nach Hausgeburten oder ambulanten Geburten, bei denen die Frauen nach der Entbindung nur wenige Stunden in der Klinik bleibt." Sich wenige Wochen vor dem Geburtstermin gegen eine Entbindung in der Klinik und für eine Hausgeburt zu entschieden, sei aber kaum möglich, sagt Jeschke. "Dafür fehlt es einfach an Hebammen."

Personalnot auf den Geburtsstationen in Folge der Coronakrise gebe es momentan nicht, so die Kliniken in Bremen und Bremerhaven. Man sei auf die aktuelle Lage vorbereitet, Sorgen bräuchten sich schwangere Frauen nicht machen. Für die frisch gebackenen Mütter auf der Geburtsstation gilt zudem: Sie dürfen weiterhin Besuch bekommen - zumindest eingeschränkt. Eine Person, das kann der Vater oder eine andere Vertrauensperson sein - darf auf die Station kommen.

Für Madeleine Wolfram hat sich ihre Schwangerschaft schon jetzt durch die Coronakrise verändert: "Als Schwangere kann man ja eh schon nicht so viel machen, aber jetzt bin ich seit einer Woche nur noch zu Hause", sagt sie. Vor den Beschränkungen sei sie gerne im Weserpark bummeln gewesen oder etwas essen gegangen.

Natürlich habe ich totales Verständnis für diese Maßnahmen, aber das Soziale fehlt mir sehr, ich fühle mich gerade isoliert.

Madeleine Wolfram, werdende Mutter

Isolation, Einsamkeit: Diese Gefühle kennen momentan auch andere werdende Mütter. Treffen in größerer Gruppe mit anderen Schwangeren sind jetzt nicht mehr möglich. Geburtsvorbereitungskurse gibt es nur noch online, als Videokonferenz, oder sie finden erst gar nicht mehr statt, so wie bei Katharina Koch. Die 31-jährige Bremerin ist im fünften Monat schwanger und hat bereits einen zweijährigen Sohn. "Die ganzen sozialen Kontakte fallen jetzt weg. In meiner ersten Schwangerschaft habe ich im Geburtsvorbereitungskurs viele Mütter kennengelernt, mit denen ich mich heute noch treffe. Das wird es jetzt beim zweiten Kind nicht geben", sagt sie.

Zum Vorsorgetermin beim Arzt darf der Mann jetzt nicht mehr mit

Auch die Schwangerschaftsgymnastik wurde schon abgesagt. In den nächsten Tagen steht die große Ultraschalluntersuchung an. Zu dem Termin muss Koch diesmal alleine gehen - ohne ihren Mann. Eine weitere Vorsichtsmaßnahme in Zeiten von Corona. "Meinen Mann belastet es natürlich sehr, dass er nicht dabei sein kann. Ich hoffe, er sich kann wenigstens per Video dazu schalten", sagt Koch. Dass all die Einschränkungen gerade wichtig und notwendig sind, dessen ist sich die werdende Mutter bewusst. "Ich verstehe das total, aber es ist gerade einfach sehr schwierig und anstrengend für mich."

Nathalie Wunderlich mit ihrem Baby
Mit ihrer kleinen Tochter verlässt Nathalie Wunderlich momentan nicht das Haus. Bild: Privat

Zumindest um die Geburt muss sich Nathalie Wunderlich keine Gedanken mehr machen. Ihre Tochter ist am 14. März im Krankenhaus in Delmenhorst zur Welt gekommen. "Da lief noch alles ganz normal, auch was den Besuch anging", sagt die 21-Jährige. Mittlerweile aber beeinflusst das Coronavirus auch ihren Alltag. "Ich bin jetzt viel vorsichtiger. Bisher bin ich noch gar nicht draußen gewesen", erzählt Wunderlich, die bereits eine zweijährige Tochter hat. Dass die momentan in der Kita nicht betreut wird, mache die Situation zusätzlich schwierig: "Mein Mann arbeitet tagsüber und auch die Großeltern können jetzt nicht vorbeikommen. Das heißt, ich bin mit den beiden Kindern komplett auf mich alleine gestellt."

Immerhin sei die Nachsorge durch die Hebamme sichergestellt, so Wunderlich. "Meine Hebamme hat zwar reduzierte Zeiten, aber sie kommt regelmäßig vorbei." Ein Aspekt, der auch Katharina Jeschke wichtig ist: "Wir sind für die Frauen da und machen nach wie vor Hausbesuche", sagt die Bremer Hebamme. Nathalie Wunderlich hat sich schon darauf eingestellt, dass es noch länger dauern könnte, bis der gewohnte Alltag wieder zurückkehrt: "Mit Freundinnen telefoniere ich jetzt viel oder wir verabreden uns zum Videochat." Auch den Rückbildungskurs will sie, wie geplant, machen: "Da werde ich mir bald einen Online-Kurs suchen."

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Autorin

  • Catherine Wenk

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 30. März 2020, 23:30 Uhr