Konzerte und Veranstaltungen: Das große Hoffen auf einen Neustart

Stillstand überall da, wo coronabedingt noch kein Betrieb erlaubt ist? Nicht ganz, hinter verschlossenen Türen in Bremen laufen Vorbereitungen, damit es weitergehen kann.

Ein Mann steht in einer Veranstaltungshalle vor einer Bühne.
Allein im Saal: Oliver Brock betreibt das Pier 2 in Gröpelingen. Seit Mitte März ist die Location dicht.

Seit dem 12. März hat das Pier 2 in Gröpelingen geschlossen. 60 Konzerte, Partys und Comedy-Shows musste das Veranstaltungszentrum schon absagen. Staatliche Soforthilfe hat anfangs die finanziellen Einbußen etwas abgemildert. So langsam würden die Einnahmen aber fehlen, sagt Geschäftsführer Oliver Brock. Nicht nur das, ihm fehlt auch etwas anderes: "Allein dieses Gefühl, wenn die Band auf die Bühne geht, das vermisst man schon ziemlich."

Ganz still ist es gleichwohl nicht. Die Haustechniker bauen um, streichen und erledigen liegen gebliebene Sachen. Es sind Kleinigkeiten, größere Anschaffungen stehen in der momentanen Lage eher nicht an.

Im Oktober soll es wieder losgehen. Bloß wie ist noch die Frage. Dass 2.000 oder 3.000 Leute dicht an dicht stehen, ist kaum vorstellbar. Und dass die Besucher bei einem Konzert mit Abstand auf Stühlen sitzen und Masken tragen auch nicht so richtig. Im Moment ist nur die Hoffnung da, dass es bald weitergeht. Irgendwie.

Arbeitstag mit bitterem Beigeschmack

"Jedes Mal beim Betreten des Metropol Theaters wird uns bewusst, was es für ein Privileg ist solch ein Theater betreiben zu dürfen", sagt Geschäftsführer Jörn Meyer. Trotzdem – oder gerade deshalb haben die derzeitigen Arbeitstage auch immer einen bitteren Beigeschmack für ihn.

Ausnahmsweise gibt es schon morgens mal einen Termin. Eine Firma macht eine Energieflussmessung. Leider kein Künstler oder Veranstalter, aber immerhin ein Stück Normalität, meint Meyer. Zur Mittagszeit wäre normalerweise schon das Meiste für die Abendveranstaltungen fertig. Jetzt fehlt der Trubel. "Wir schleichen durch die Gänge, drehen Wasserhähne auf und wieder zu, damit die Trinkwasserqualität erhalten bleibt", erzählt der Geschäftsführer.

Man fühlt sich ein bisschen wie das Phantom, das allein durch die Katakomben der Pariser Oper schleicht...

Jörn Meyer, Geschäftsführer Metropol Theater Bremen

Nachmittags sind auf der Bühne normalerweise Proben. Jetzt ist dort nichts zu sehen. Dafür baut der technische Leiter jede zweite Stuhlreihe aus. Eigentlich hat das Theater Platz für 1.451 Gäste. In Corona-Zeiten wird es nur noch ein Sechstel sein – sobald wieder geöffnet werden darf.

Unerwartet viel Leben in den Messehallen

"Alles im Saft halten", so formuliert es Kristin Viezens aus der Presse- und Marketingabteilung der Messe Bremen und der ÖVB-Arena. Ganz so leer, wie man annehmen könnte, ist es gar nicht. "Es ist Leben in den Hallen." In der Halle 4 legen angehende Finanzbeamte ihre Prüfungen ab, in den Hallen 5 und 6 ist die Corona-Ambulanz untergebracht und in Halle 7 trifft sich die Bremische Bürgerschaft. Und auf der Bürgerweide gibt es seit Kurzem ein Autokino.

Den Kopf in den Sand zu stecken, kommt für uns nicht infrage.

Kristin Viezens, M3B GmbH
Ein Mann zaubert einen Bleistift aus einer Glasflasche.
Magic Mario: Statt der Ehrlich Brothers verblüfft Mario Roggow mit Zaubertricks. Normalerweise ist er Projektleiter in der ÖVB-Arena. Bild: M3B GmbH | Screenshot

Wenn die Besucher nicht in die Messehallen kommen, kommt die Messe zu den Besuchern. So fand die Messe "Leben und Tod" erstmals ausschließlich online statt. Insgesamt griffen an dem Wochenende 38.392 Personen auf die Veranstaltungswebsite zu.

Zum Vergleich: Im Vorjahr kamen 5.031 Gäste in die Messehalle. Alle Kreativität täuscht aber nicht darüber hinweg, dass die Corona-Pandemie das Messe- und Veranstaltungsgeschäft schwer trifft und für hohe Einnahmeverluste sorgt.

Kultur im Auto statt Konzert in der Halle

Lieber kommt er ein paar Minuten zu spät zu einer Videokonferenz und erzählt dafür noch ein bisschen mehr, was die Stadthalle Bremerhaven vorhat. Ralf Meyer ist Geschäftsführer der Stadthalle Bremerhaven. "Man muss nach vorne schauen", sagt er, alles negativ zu sehen, sei erdrückend.

Jede negative Phase bietet auch Chancen.

Ralf Meyer, Geschäftsführer Stadthalle Bremerhaven

Ein Autokino allein tut es nicht. Es soll eine Nummer größer sein, kreativ werden, das ist Meyers Anspruch. Deshalb gibt es an den Wochenenden im Juni auf einer Bühne neben der Stadthalle im Sommer ein buntes Bühnenprogramm mit Bands, Künstlern und Comedians. Die Zuschauer kommen mit ihren Autos, Platz gibt es für 100 Fahrzeuge. "Und ja, Autokino und Autodisco haben wir auch", sagt Meyer.

Wo sonst Tausende Festivalbesucher tanzen, grasen jetzt Kühe

Abgesagt: Beim Deichbrand-Festival bei Cuxhaven hätten im Juli auf 170 Hektar zwischen 50.000 und 60.000 Menschen gefeiert. Jetzt teilt die Festivalorganisation mit: "Die Flächen haben wir teilweise zur landwirtschaftlichen Bewirtschaftung wieder frei gegeben, da wo es Sinn ergibt. Wo nicht, bleibt sie dieses Jahr Weideland für Kühe." Für die, die am eigentlichen Datum trotzdem feiern wollen, bieten die Veranstalter ein Festival at home an.

Doch Corona wird's nicht schaffen
uns die Lust am Rock zu nehmen,
nächstes Jahr so bleibt zu hoffen
auch Motoren wieder dröhnen.

Dietmar Hornig, MSC Eichenring
Im Oval einer leeren Motorrad-Rennstrecke stehen zwei Lieferwagen.
Normalerweise wären hier am Eichenring zu diesem Zeitpunkt bereits die Aufbauarbeiten fürs Hurricane in vollem Gange. Bild: Dietmar Hornig

"Fuchs und Hase sagen sich hier buchstäblich gute Nacht", beschreibt Dietmar Hornig vom MSC Eichenring in Scheeßel das Hurricane-Festivalgelände. Bestimmt gebe es ein paar Anwohner, die sich freuen würden, endlich mal keinen Krach ertragen zu müssen. Aber die Mehrheit bedauere, dass das Festival ausfällt. "Es gehört einfach dazu."

Das Gelände und auch die Motorsport-Bahn, wo sonst eigentlich Rennen gefahren werden, liegen brach. Der Verein macht die normalen Wartungsarbeiten, ab und zu wird gemäht. Im Moment sei einfach nichts los – und das werde sich bis zum Jahresende auch nicht ändern, so Hornig. "Wir hoffen auf das nächste Jahr."

Schauspieler im Theater bereiten sich auf neue Saison vor

Nach dem Lockdown ging nur noch eins: Mund-Nasen-Bedeckungen für soziale Einrichtungen schneidern. Das passiert auch heute noch – inzwischen geht aber auch mehr. Die Tänzerinnen und Tänzer dürfen schon seit ein paar Wochen proben – zunächst allein und zu Hause, dann in Kleingruppen. Auf der Bühne gab es schon die ersten Bauproben für die Premieren im Herbst.

"Das ist ein Zeichen dafür, dass es endlich, aber vorsichtig wieder los geht", sagt Intendant Michael Börgerding. Nach Pfingsten beginnen im Theater Bremen auch die Schauspielproben. Drei Produktionen nehmen die Proben wieder auf. Los geht es für die Beteiligten damit, dass sie eine Sicherheitsunterweisung bekommen. Und auch die Musiker der Bremer Philharmoniker fangen wieder an. Da muss allerdings erst noch geklärt werden, wie viele in den Orchestergraben dürfen. Das gilt auch fürs Publikum; vielleicht bleiben 100 oder 200 von sonst rund 900 Plätzen. Die Abstandsregeln…

Freizeitaktivitäten von drinnen nach draußen verlagert

Allein die Stromvorauszahlungen belaufen sich auf mehr als 1.000 Euro pro Monat – und werden weiter abgebucht. "Wir leben von Rücklagen", sagt Werner Möllering vom Indoorspielplatz "Piratenburg" in Hagen im Bremischen. Die Mitarbeiter sind in Kurzarbeit, staatliche Hilfen beantragt. Unterkriegen lassen will sich der Inhaber trotzdem nicht. "Wir haben schon vieles mitgemacht, wir werden das überstehen."

Das, was vorher nebenbei lief, baut Möllering jetzt aus. Draußen kann Fußballgolf gespielt werden, jetzt auf mehr Bahnen als vorher. Das bringt zumindest ein paar Einnahmen. "Und es ist auch für die eigene Motivation nicht schlecht."

Autor

  • Sven Weingärtner

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 22. Mai 2020, 19:30 Uhr