Interview

Bremerhavener Krisenstab-Leiter: "Mit Lockerungen ruhig Zeit lassen"

In einem Bremerhavener Pflegeheim hat es einen großen Corona-Ausbruch gegeben. Krisenstab-Leiter Ronny Möckel über Hintergründe, mögliche Lockerungen und Ausgangssperren.

Video vom 23. Februar 2021
Der Leiter des Bremerhavener Krisenstabs, Ronny Möckel.
Bild: Radio Bremen

Der Corona-Ausbruch in dem Amarita-Altenpflegeheim in Bremerhaven ist am Dienstag öffentlich geworden. Dort leben rund 165 Bewohner. Am Sonntag waren laut der Stadt nahezu alle Bewohner und Mitarbeiter per Schnelltest untersucht worden, zunächst waren 61 Befunde positiv, bei 53 Bewohnern und acht Beschäftigten. 88 Prozent der Bewohner hatten bis zum Dienstag bereits ihre Erstimpfung erhalten. Zu den vielen Infektionen konnte es laut dem Leiter des Krisenstabs, Ronny Möckel, dennoch kommen, weil der zeitliche Abstand zwischen Erstimpfung und Infektion noch nicht sehr groß war.

Herr Möckel, was ist bei dem Corona-Ausbruch in dem Altenpflegeheim genau passiert?
Was wir wissen ist, dass wir letzte Woche zwei, drei einzelne positive Fälle hatten. So wie wir es gewohnt sind machen wir dann Umfelduntersuchungen. Da tauchten dann noch zwei, drei weitere auf. Und dann haben wir großflächig untersucht und dabei furchtbar viele positive Antigen-Schnelltests gehabt. Und das in vielen Bereichen, sodass wir davon ausgehen müssen, dass wir es mit einem großen Ausbruchsgeschehen zu tun haben.
Wie kommt das?
Wenn wir das so genau wüssten, könnten wir es abstellen. Wir haben das gleiche Phänomen ja auch schon in anderen Einrichtungen gehabt, auch in Pflegeeinrichtungen. Gottseidank in Bremerhaven noch nicht so häufig. Aber wir haben es gehabt. Auch mit einer erheblichen Dynamik. Insofern bleibt es abzuwarten. Wir sind jetzt vor Ort, wir unterstützen auch nochmal in der Beratung des Managements. Aber, dass wir nun eine eindeutige Ursache ausmachen konnten, dem ist leider nicht so.
Wie lässt sich dieser Anstieg innerhalb so kurzer Zeit erklären?
Es ist ja tatsächlich regelmäßig getestet worden, auch regelmäßig in der Einrichtung. Und da gab es nichts positives. Wir haben bisher auch keinen Nachweis einer Virusmutante. Auf der anderen Seite stehen uns ja auch noch von dem anderen hochdynamischen Ausbruchsgeschehen die Sequenzierungsergebnisse aus. Wir wissen es nicht, aber in der Dynamik haben wir es vor zwei, drei Monaten eben nicht erlebt: negative Schnelltestergebnisse bis Mitte letzter Woche und dann auf einmal so viele positive.
Ist die Amarita-Einrichtung aktuell der einzige Ausbruch in Bremerhaven?
Wir haben ein Ausbruchsgeschehen, das derzeit am Abklingen ist, in einer Pflegeeinrichtung. Ein Ausbruchsgeschehen, das wir ganz gut unter Kontrolle haben, wo sich die Fallzahlen scheinbar auch gut begrenzen lassen. Und dann haben wir jetzt dieses Ausbruchsgeschehen, wo man sagen muss, in rasender Zeit sind wirklich viele Bereiche betroffen.
Wie bekommt man das in den Griff?
Zum einen wird das sehr auf unsere Sieben-Tage-Inzidenz gehen, dessen sind wir uns klar und bewusst. Deshalb werden wir trotzdem nicht das Testen einstellen. Der zweite Punkt ist, man kann eigentlich nur versuchen etwas zu begrenzen, wo es noch begrenzbar ist. Jetzt haben wir aber viele positive Schnelltests in vielen Bereichen. Wir haben zwei stärker betroffene Bereiche, einen kleinen Bereich, der gar nicht betroffen ist und zwei Bereiche, die noch nicht so sehr betroffen sind. Die Hoffnung ist, dass wir insbesondere in den Bereichen, die noch nicht so sehr oder nicht betroffen sind, eine weitere Ausbreitung und Fallzahlsteigerung verhindern können. Sicher ist das aber nicht.
Man kann also gar nicht viel machen?
Naja, ich muss nochmal sagen: Es ist zwölf Monate gelungen, wirklich viel zu tun und auch eine Ausbreitung von Infektionen zu verhindern. Wenn ich jetzt davon ausgehe, dass wir am Wochenende 40 bis 50 positive Antigen-Schnelltestergebnisse hatten, dann ist das vielleicht die Spitze des Eisbergs. Es wird also weiter getestet werden müssen. Das ist ungefähr ein Drittel der Bewohnerschaft, die mittlerweile einen positiven Antigen-Schnelltest hat. Wenn man dann überlegt, wer vielleicht in der Inkubationszeit ist, sich in der Zeit schon angesteckt haben kann, könnte es sein, dass im Prinzip jetzt schon faktisch alle betroffen sind. Und dann kann man nichts mehr tun.
Wurde das Virus aus der Einrichtung herausgetragen?
Wir sind natürlich dabei, die Umgebungsuntersuchungen zu machen. Natürlich ist auch der Träger da mit eingebunden. Wer zu Besuch war, der muss natürlich informiert werden. Ausschließen können wir das letztlich trotzdem nicht. Aber wir sind in der Pandemiebekämpfung, wir versuchen unser Möglichstes.
Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit dem Träger der Einrichtung?
Das ist formal nicht zu beanstanden. Es ist formal so, dass wir einen Ansprechpartner haben, dass wir Informationen kriegen, dass wir eingebunden sind. Man nimmt auch unsere Hilfe und Unterstützung an. Das muss man schon mal so zusammenfassen. Wir hatten bisher vielleicht auch außergewöhnliches Glück. Die Zusammenarbeit mit den bisherigen Trägern war ausgezeichnet. Und hier sind wir jetzt in einem Bereich von: Das ist in Ordnung. Wir würden uns vielleicht manchmal noch wünschen, dass man uns noch ein bisschen mehr entgegen kommt. Das Hilfe vielleicht auch noch ein wenig leichter angenommen wird. Und auch die Verlässlichkeit der Ansprechpartner ist noch zu verbessern.
Was bedeuten die Entwicklungen für Bremerhaven, auch für mögliche Lockerungen?
Also bei Inzidenzen von 150 Plus ist es – glaube ich – der falsche Zeitpunkt von Lockerungen zu reden. Auch, wenn die Inzidenz nur eines der Merkmale ist, die man angucken muss. Aber wir haben steigende Inzidenzzahlen. Wir haben nach derzeitiger Kenntnis, die ist allerdings noch nicht ganz repräsentativ, eine Quote von Virusmutanten ungefähr bei 50 Prozent. Wir wissen noch nicht so richtig, was auf uns zu kommt. Also, wir sollten uns in Bremerhaven mit Lockerungen ruhig noch ein bisschen Zeit lassen.
Drohen auch Verschärfung wie beispielsweise Ausgangssperren?
Das ist sicherlich ein Element, das muss man in erster Linie fachlich bewerten. Ausgangsbeschränkungen machen aus fachlicher Sicht dann Sinn, wenn man davon ausgehen muss, dass sich tatsächlich viele Leute auch über private Kontakte angesteckt haben. Unser Ausbruchsgeschehen ist bisher durchweg sehr clustergetrieben. Auf der anderen Seite muss man aber auch sagen, sicherlich ist es ein starkes Zeichen, eine solche Maßnahme durchzuführen. Und es würde sicherlich den Inzidenzzahlen auch nicht schaden. Fachlich würde ich das als Leiter des Krisenstabes und des Gesundheitsamtes nicht fordern. Es ist sicherlich auch politisch zu bewerten. Ich würde es allerdings als Instrument auch nicht dringend ablehnen.

Das Interview führte Luca Laube. Aufgeschrieben von Joschka Schmitt.

Autor

  • Luca Laube Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 23. Februar 2021, 19:30 Uhr