Wie Corona-Apps die Verbreitung des Virus bremsen sollen

Meine Daten dem RKI spenden oder per Bluetooth den Abstand zu anderen messen – wir erklären, wie die Apps funktionieren und welche Bedenken Datenschützer haben.

Video vom 14. April 2020
Ein Smartphone in der Hand einer Person, geöffnet ist eine Corona App.
Bild: Radio Bremen

Das Smartphone als Werkzeug gegen die Ausbreitung des Coronavirus – darüber diskutieren Wissenschaftler, Politiker und Datenschützer. Die kleinen Datensammler, die ein Großteil der Deutschen sowieso in der Tasche trägt, sollen helfen, Ansteckungswege nachzuvollziehen und zu unterbrechen. Sogar beim Weg aus dem Corona-Lockdown könnten sie ein Werkzeug sein. "Der Einsatz solcher Apps kann eine gute Sache sein und einen Mehrwert mit sich bringen", heißt es dazu aus dem Bremer Gesundheitsressort. Wichtig sei ein sensibler Umgang mit personenbezogenen Daten und die Freiwilligkeit bei der Nutzung.

Die Datenspende an das Robert-Koch-Instituts

Wer ein Fitnessarmband oder eine Smartwatch hat, kann "Datenspender" für das Robert-Koch-Institut (RKI) werden. Die gesammelten Daten sollen den Wissenschaftlern Aufschluss über den Gesundheitszustand der Menschen geben. Die App funktioniert für Apple und Android und verbindet sich mit dem Fitnessarmband oder der Smartwatch. Diese messen den Puls und die Aktivität des Trägers und sollten rund um die Uhr getragen werden. Aktuell werden laut RKI alle über Google-Fit und Apple-Health verbundenen Geräte sowie Geräte von Fitbit, Garmin, Polar und Withings/Nokia unterstützt.

Die Daten werden anonym und unter einem Pseudonym an das RKI übermittelt, genaue Orte werden nicht übertragen. Gibt es Auffälligkeiten, zum Beispiel ein erhöhter Ruhepuls oder weniger Aktivität als sonst, kann das ein Hinweis auf eine fiebrige Infektion sein. Dies wird an das RKI gemeldet und gibt Aufschluss darüber, ob und wie viele Menschen gerade eine Infektion durchmachen. In Zukunft soll es auch möglich sein, Symptome in der App anzugeben. So soll man, wenn entsprechend viele Menschen Daten spenden, quasi regional Fieber messen können. Wie aussagekräftig die Daten sind, hängt davon ab, wie viele Menschen die App nutzen – je mehr, desto genauer wird das Bild. Die App ist seit dem 8. April verfügbar, innerhalb des ersten Tages wurden bereits 160.000 Nutzer registriert. Das entspricht zwei Prozent der deutschlandweit zehn Millionen Nutzern von Fitnesstrackern.

Die Tracing-App

Während sich die Datenspende auf die Nutzer von Fitnesstrackern beschränkt, ist die einzige Voraussetzung zur Nutzung einer sogenannten Tracing-App ein bluetoothfähiges Smartphone. Eine solche App soll Nutzer warnen, wenn sie einem infizierten Menschen kritisch nah gekommen sind und so die Infektionskette unterbrechen. Das funktioniert so: Die App registriert permanent, wie nah man anderen Menschen kommt, sprich ihren Handys mit der Tracing-App. Die Abstandsmessung läuft über die Stärke des Bluetooth-Signals. Wird ein User positiv auf Covid-19 getestet und gibt das in der App an, erhalten alle, die in den vergangenen 21 Tagen laut App-Daten in seiner unmittelbaren Nähe waren, eine Push-Benachrichtigung.

Genaue Ortsdaten sollen dabei nicht erfasst werden, nur die Nähe zu anderen App-Nutzern. Die Daten sollen nach 21 Tagen gelöscht werden. Eine große Hürde bei der Entwicklung dieser App ist der Datenschutz. Der Chaos Computer Club hat eine Liste mit Anforderungen erstellt, die die App erfüllen müsste. Unter anderem müssten "belegbare technische Maßnahmen wie eine Verschlüsselung und Anonymisierung" den Datenschutz der Nutzer sicherstellen, Bewegungsprofile dürften nicht angelegt werden. Auch bei dieser App steht und fällt die Qualität der Informationen mit der Zahl der Nutzer. Experteneinschätzungen zufolge müssten rund 50 Prozent der Bevölkerung die App nutzen, um aussagekräftige Daten zu erhalten.

Experten wie der Virologe Michael Drosten sehen in einer solchen App auch das Potenzial, den Weg aus dem Corona-Lockdown zu vereinfachen. So könnten mithilfe der lokalen Ansteckungsketten örtliche statt zeitliche Kontaktbeschränkungen geltend gemacht werden. Wo gerade laut App-Daten viele Ansteckungen passieren, gelten strengere Regeln als dort, wo das Risiko geringer ist. Laut Drosten sollten möglichst viele Menschen für die Nutzung einer solchen App gewonnen werden.

Rund 56,1 Prozent der Deutschen würden eine Tracing-App freiwillig auf ihrem Handy installieren. Das ergab eine repräsentative Umfrage von BR24. Das Meinungsforschungsinstitut Civey hatte die Umfrage für den Bayrischen Rundfunk durchgeführt. Demnach lehnen aber auch 24,2 Prozent eine solche App kategorisch ab.

Das sagen Virologen

Während Drosten sich im NDR-Podcast klar für derartige Apps ausspricht, sieht der Bremer Virusforscher Andreas Dotzauer die Verwendung kritisch. Er bezweifelt die diagnostische Qualität der übermittelten Daten. "Wir reden hier von Allgemeinsymptomen, die auch auf ganz andere Sachen hindeuten können", sagt er mit Blick auf die Übermittlung von Ruhepuls und Aktivitätsdaten in der Datenspender-App. Zudem seien die Daten statistisch kaum vernünftig zu bewerten, da die Gruppe der Nutzer kaum repräsentativ für die Gesamtbevölkerung sei und demnach auch keine unmittelbaren Rückschlüsse auf diese zulasse.

Generell könnte eine Tracing-App bei der Ermittlung von Kontakten hilfreich sein. Aktuell sei es bei einer Infektion kaum mehr nachvollziehbar, mit wem der Infizierte alles Kontakt hatte. Dotzauer bezweifelt aber, dass die Bluetooth-Technik zuverlässig die Abstände misst. Auch datenschutzrechtlich hat er Bedenken. In statistischer Hinsicht sei die Auswertung ebenfalls problematisch, da man bei einer anonym auf freiwilliger Basis genutzten App nicht wisse, wen man tatsächlich erreicht.

Das sagt die Datenschützerin

Für die Bremer Landesdatenschutzbeauftragte Imke Sommer sind vor allem zwei Punkte entscheidend für die Nutzung solcher Apps: Transparenz und Freiwilligkeit. Es müsse genau angegeben sein, was die App macht, welche Daten erhoben werden und wo sie landen. "Man sollte in den Nutzungsbedingungen gucken, welche Datenkategorien wohin gesendet werden", sagt Sommer. Bei der Datenspende-App des RKI sei das nicht ganz klar – eine Prüfung durch den Bundesdatenschutzbeauftragen stehe noch aus.

Ich darf auf keine Art und Weise gezwungen sein, meine Daten zu übermitteln.

Imke Sommer, Bremer Landesdatenschutzbeauftragte

Die Datenverarbeitung bei einer Tracing-App würde auf Grundlage der Einwilligung durch den Nutzer erfolgen, eine Nutzung müsste aus datenschutzrechtlicher Sicht zwingend auf Freiwilligkeit basieren. "Ich darf auf keine Art und Weise gezwungen sein, meine Daten zu übermitteln", betont Sommer.

Es dürften auch niemandem gesellschaftliche Nachteile entstehen, wenn er die Nutzung einer solchen App verweigert. "Bei dieser persönlichen Einwilligung ist es wichtig, dass man die Menschen mit der Entscheidung nicht allein lässt", sagt Sommer. Sie spricht sich für eine breite gesellschaftliche Diskussion über die Corona-Apps aus.

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Autorin

  • Greta Block Redakteurin und Autorin

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 14. April 2020, 19:30 Uhr