Hart am Limit – Erfahrungsbericht aus Bremens Corona-Ambulanz

Bremen testet auf Corona-Viren in einer eigens dafür eingerichteten Ambulanz am Klinikum Mitte. Unser Autor hat dort am Donnerstag den Test gemacht.

Ein Plakat mit der Aufschrift "Corona-Ambulanz"
Großer Andrang herrschte in den letzten Tagen bei der Corona-Ambulanz im Klinikum Bremen-Mitte. Am Montag soll eine zweite Ambulanz in Bremen die Arbeit aufnehmen. Bild: DPA | Sina Schuldt

"Gehen Sie lieber mal hin, sicher ist sicher", hatten sie mir gesagt, als ich mit der Hausarztpraxis telefonierte: "Wir faxen die Überweisung direkt zum Klinikum Mitte."

Das war um acht Uhr. Und ich war überrascht. Eigentlich hatte ich nicht damit gerechnet, zum Test geschickt zu werden. Ein Kontakt zu einer infizierten Person war möglich, aber nicht gesichert. Körperliche Symptome zeigte ich bis auf einen kleinen Schnupfen auch keine.

Jetzt ist es 9:50 Uhr und ich schließe mein Fahrrad vor der Corona-Ambulanz am Klinikum Mitte an.

Im Vorraum zur Corona-Ambulanz warten fünf Personen. Einige tragen Mundschutz. Einer zieht sich Handschuhe an. An der Seite steht ein Spender mit Desinfektionsmittel. Jeder, der reinkommt, nimmt erst einmal ein paar Stöße aus der Flasche.

Hinter mir sprechen zwei Männer miteinander: "Ach, Du auch hier?" – "Klar, die haben die ganze Abteilung nach Hause geschickt. Kollege ist positiv getestet worden."

Einer in der Reihe organisiert noch schnell eine Überweisung vom Hausarzt. Ohne die geht hier nichts. Ansonsten wenig Gespräche. Unsichere Blicke. Die Wartenden halten Abstand so gut das hier geht.

Es wird immer voller im Vorraum, die ersten warten bereits im Freien.

Bloß keinen Kontakt, nur den Test, bitte

Jetzt darf ich rein. Die Tür zur Corona-Ambulanz geht auf. Vor mir steht ein Mitarbeiter. Er trägt einen gelben Plastikkittel über dem weißen Stoffkittel, dazu natürlich Mundschutz. Angesichts dieser Szene schießen mit Sequenzen aus zweitklassigen Hollywood-Katastrophenfilmen durch den Kopf. Dass das hier aber so gar nichts mit Hollywood zu tun hat, wird mir schnell klar: "Überweisung?" – "Ja, wird direkt gefaxt" – "Ok, dann die Versichertenkarte bitte."

Aus dem Nebenzimmer dringt die Stimme einer Mitarbeiterin: "Wir können das nicht mehr komplett steuern", sagt sie. "Viele kommen einfach so."

Wartende Menschen vor der Anlaufstelle der Corona-Ambulanz.
Vor der Corona-Ambulanz in bremen bildeten sich in den letzten Tagen lange Schlangen.

Ich lege den Mundschutz an, nochmal Hände desinfizieren, dann rein in eines der Wartezimmer. Komplett voll hier. Aber auch: Alles ruhig, keine Kommunikation. Ich merke das auch mir an. Ich will hier keinen Kontakt mit Leuten. Nur den Test. Offenbar geht das allen so.

Eine Frau, die mit ihrer jungen Tochter da ist, weist eine andere Frau darauf hin, doch bitte nicht die Finger ins Gesicht zu nehmen: "Ist das blödeste, was Sie hier machen können. Durchs Gesicht wischen."

Die Stimme einer Mitarbeiterin dringt vom Flur aus herein, offenbar betreut sie das Telefon. Sie spricht, legt auf, kurze Pause, dann direkt das nächste Gespräch. Ganz ruhig spricht sie, sehr freundlich. Ich empfinde Respekt für die Leute, die hier arbeiten. Ist sicherlich nicht einfach.

Eine weitere Frau kommt ins Wartezimmer. Sie hustet. Direkt schießt mir in den Kopf, ob die wohl infiziert ist? Und hilft da dann noch der Mundschutz, den wir alle hier tragen?

Von draußen hört man immer wieder die Frage nach dem Überweisungsschein

Wer noch nicht krank ist, könnte es hier werden

"Jetzt haben wir langsam Platzmangel",  sagt eine Mitarbeiterin auf dem Gang. Das Wort "Aufnahmestopp" fällt. "Ich nehme jetzt niemanden mehr rein", höre ich den Mann sagen, der am Eingang die Menschen in Empfang nimmt.

Einzeln werden die Leute im Wartezimmer aufgerufen. "Handy wegstecken, bitte! Nochmal Hände desinfizieren! Mitkommen!"

Ich bin noch längst nicht dran. Weiter großes Schweigen im Wartezimmer. Keine Gespräche. Die Frau hustet weiter.

Auf dem Gang ein Gespräch: "Hey, was machst du denn hier?" fragt eine Krankenhausangestellte im grünen Kittel eine andere: "Bin abgezogen worden hier hin. Eine Ärztin hat es erwischt."

Bei meiner Sitznachbarin klingelt das Telefon. Sie geht ran. "Home Office", sagt sie. "Ist ja auch ganz nett." Dann wird noch gescherzt: "Irgendwas habe ich, weiß nur nicht was."

10:35 Uhr ist es mittlerweile. "Können wir mal ein Fenster aufmachen?", fragt eine Frau. Klar. Die frische Luft tut gut.

Die meisten Wartenden tippen auf ihren Handys herum.

"Draußen stehen bestimmt noch 30 Leute", informiert ein Mitarbeiter auf dem Gang einen anderen.

11:10 Uhr: Ich müsste dringend mal zur Toilette. Aber hier? Bloß nicht.

Jetzt geht es weiter. Mutter mit Kind werden aufgerufen. Noch ein weiterer Mann. Wieder etwas Platz im Wartezimmer. Doch die Plätze füllen sich schnell. Mir geht durch den Kopf: Wenn ich vorher nicht krank war, dann wahrscheinlich, wenn ich hier raus komme.

11:20 Uhr: Wieder klingelt das Telefon bei meiner Nachbarin. Sie geht tatsächlich wieder ran. Ist das nervig. Ein Mitarbeiter kommt, er hält Flasche und Plastikbecher in der Hand: "Möchte jemand einen Schluck Wasser?" Niemand antwortet.

Bei einem Herrn klappt es nicht mit der Überweisung. Er wird nach Hause geschickt. Soll seinen Hausarzt kontaktieren.

11:35 Uhr: Es geht nicht mehr. Ab zur Toilette. Vorbei an zwei weiteren Wartezimmern. Natürlich sind die voll. Desinfiziere Hände mehrmals, fasse hier so wenig wie möglich an, wenn, dann mit den Einmal-Papiertüchern.

11:40 Uhr: Zurück im Wartezimmer. Ich blicke aus dem Fenster und traue meinen Augen kaum.Viele, viele, viele Menschen stehen draußen. Warten.

Jetzt wird einer nervös. "Die Frau, die sie gerade aufgerufen haben war fünf Personen hinter mir...." sagt er einer Krankenhausangestellten. Hilft alles nicht. Es ist eben sehr voll. Klar, niemand möchte hier länger bleiben, als unbedingt nötig.

Neue Leute kommen: "Wie lange warten Sie schon?" – "Zwei Stunden", antwortet einer. "Nicht sprechen", mahnt ein weiterer: "Die Maske wird sehr schnell feucht..."

Ärztinnen und Schwestern brauchen starke Nerven

12 Uhr: Ich werde aufgerufen. Zusammen mit vier Personen geht es durch eine Tür in den Nachbartrakt. Hier sind notdürftig die Behandlungszimmer eingerichtet. Vom Flur aus geht jeder in einen separaten Raum.

Zwei Stühle, ein Tisch. Darauf liegt medizinisches Gerät. Eine Assistentin kommt. Ich fülle einen Fragebogen aus: Warum bin ich da? Husten? Fieber? Muskelschmerzen? Ich kreuze alles mit "Nein“ an.

Die Assistentin klippt ein kleines Gerät an meinen Zeigefinger. Sie misst Sauerstoff und Puls. Nichts Auffälliges.

Nochmal warten, dann kommt die Ärztin. Neben dem Mundschutz trägt sie auch eine Schutzbrille, immer wieder desinfiziert sie die Hände. Klar, die Frau arbeitet hier in der Nahzone. Alle sind freiwillig hier, erzählt sie. Und heute sei es einfach sehr, sehr voll. Sie könnten noch viel mehr Personal gebrauchen – aber das fehle dann an anderer Stelle.

Keine einfache Aufgabe für die Krankenhäuser, denke ich mir. Und das wird ja nicht besser in den nächsten Tagen und Wochen.

Die Ärztin holt drei Wattestäbchen hervor. "Wird jetzt ein bisschen unangenehm", sagt sie und steckt mir ein Stäbchen in den Hals. Sie hat recht. Und es wird auch in den Nasenlöchern nicht angenehmer.

Frühestens morgen Nachmittag werde ich Bescheid bekommen, sagt die Ärztin, vielleicht auch noch einen Tag später. "Aber nur, wenn der Befund positiv ist. Im Gesundheitsamt wissen sie nicht mehr, wo oben und unten ist."

Ich verlasse das Gebäude durch den Nebeneingang. Der Mundschutz landet in dem extra dafür aufgestellten Mülleimer, nochmal Hände desinfizieren. Ich denke an die Ärztin. Gut, dass es Leute gibt, die diesen Einsatz zeigen. Das ist Akkordarbeit hier. Und natürlich sind die auch selbst gefährdet. Dazu der Ärger von einigen, die sich hier testen lassen müssen.

Vor der Ambulanz stehen jetzt sicherlich hundert Menschen, die Schlange reicht rund 50 Meter bis zur Seitenwand des Gebäudes.

Ich steige auf das Fahrrad. Hoffentlich muss ich hier nicht nochmal hin. Oder erst dann – wie mein Vater sagen würde – "wenn ich den Kopf schon unterm Arm trage."

(Der Name des Autors ist der Redaktion bekannt)

Video vom 12. März 2020
Wartende Menschen stehen in einer Schlange vor der Corona-Ambulanz.

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 15. März 2020, 19:30 Uhr