Endstation Neuanfang: Ein Bremer Straßenbahn-Betriebshof verschwindet

Am Montag wird die letzte Straßenbahn vom BSAG-Betriebshof Gröpelingen ausrücken. Damit endet eine 94-jährige Geschichte und ein neues Kapitel beginnt.

Video vom 11. Januar 2020
Das Straßenbahndepot in Gröpelingen während der Feier zum Start des Umbaus.

Morgens um 4:28 Uhr macht sich die erste Linie 3 des Tages vom Straßenbahndepot Gröpelingen auf den Weg in die Innenstadt. Die Bahn hat die Nacht in der Wagenhalle mit den vier markanten weißen Giebeln verbracht, hier wurde sie gereinigt und gewartet. Das 25-köpfige Team des Betriebshofs Gröpelingen kümmert sich fast rund um die Uhr um die Straßenbahnen der Linien 2, 3, 10 und 5S, die hier ankommen und abfahren.

Fünf Straßenbahnen aus unterschiedlichen Zeiten stehen nebeneinander aufgereiht im Depot des Betriebshofs in Gröpelingen.
Zeitreise in Gröpelingen: Zur "Abrissparty" kamen etliche Interessierte am Samstag zum Depot und bestaunten die historischen Straßenbahnen.

Rund 40 Bahnen durchlaufen täglich die Werkstatt, ganz hinten am Ende der Wagenhalle. Hier werden sie gewartet, können Kleinigkeiten repariert oder ausgetauscht werden, die Hinterlassenschaften der Fahrgäste werden eingesammelt und entsorgt. Das geht im Viertelstundentakt so. In einer anderen Halle erfolgt die Reinigung der Bahnen von innen und außen.

Täglich benutzen rund 24.000 Menschen den größten Umsteigeknotenpunkt zwischen Bremen-Stadt und Bremen-Nord, der zwischen 1985 und 1990 zeitweise die nördlichste Straßenbahnendstation der damaligen BRD war. Seitdem hat sich hier einiges verändert: 1992 wurde die Umsteigeanlage komplett umgebaut, der Umstieg von der Bahn zum Bus erleichtert und moderne Dächer überspannten seither die Haltestellen. Ab 1994 kamen neue Straßenbahnen nach Bremen, die ihre 30-jährigen Vorgänger nach und nach ablösten. Für diese neuen Fahrzeuge musste auch die Werkstatt im Betriebshof Gröpelingen angepasst werden. Dies war aber längst nicht der erste Umbau.

Ein bewegter Ort

Eine Straßenbahn steht in der Werkstatt des Betriebshofs Gröpelingen.
Auf zwei Gleisen kann in der Werkstatt gearbeitet werden.

Am 28. März 1926 wurden zum 50-jährigen Bestehen der Bremer Straßenbahn die Betriebshöfe Gröpelingen und Sebaldsbrück in Betrieb genommen. Sebaldsbrück bot Platz für 75 Bahnen, Gröpelingen konnte 140 Fahrzeuge aufnehmen. Wagenhalle, Werkstätten, Dienstwohnungen und Mannschaftsräume waren hochmodern und ersetzten einige ältere und kleinere Standorte im Netz der BSAG. Hier endeten nun die Linien 2 und 8, später auch die 3 und 11. Busse fuhren zu dieser Zeit nur am Stadtrand.

Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs wurde die Wagenhalle mit den abgestellten Fahrzeugen bei Luftangriffen teilweise zerstört und später wieder aufgebaut. Im November 1949 wurde die Straßenbahnlinie 8 nach Burg auf Oberleitungs-Busse umgestellt. Die elektrischen Busse, die ihren Strom aus zwei Drähten über der Straße erhielten, zogen mitsamt Werkstatt in das Gröpelinger Depot ein, welches später von 1957 bis 1959 umfassend modernisiert wurde. Im November 1961 ist der Oberleitungs-Bus eingestellt worden, Dieselbusse übernahmen jetzt die Strecke. 1970 wurde die Straßenbahnlinie 11 zu den Stahlwerken ebenfalls auf Dieselbus umgestellt. Seit 1975 fährt die Linie 10 bis nach Gröpelingen.

Umfangreichster Umbau seit 1926

Blick von oben auf die Umsteigeanlage am Betriebshof Gröpelingen in den 1950er-Jahren.
Gröpelingen in den 50er Jahren. Links der O-Bus, rechts die neusten Straßenbahnen dieser Zeit. Bild: BSAG

Ab Montag folgt nun der wohl umfangreichste Umbau seit 1926: Das Dienstgebäude und die Wagenhalle werden 2020 komplett abgerissen, im Sommer soll der erste Spatenstich für den Neubau gefeiert werden und bis 2023 wird an dieser Stelle wieder einmal Bremens modernster Straßenbahnbetriebshof entstehen. Das Werkstattteam zieht während dieser Zeit in den Betriebshof Sebaldsbrück um, die Straßenbahnen werden auf die übrigen Betriebshöfe verteilt. Zuerst wird die alte Wagenhalle weichen für eine neue Umsteigeanlage, dann entsteht auf dem Gelände, auf dem heute die Busse und Straßenbahnen wenden, der neue Betriebshof mit Werkstätten und einer Polizeidirektion.

Wenn am Montag, den 13. Januar, um 6:42 Uhr die letzte Straßenbahn das Depot verlässt, ist Endstation für die fast 94-jährige Geschichte des alten Betriebshofs Gröpelingen – doch es ist auch der Anfang einer neuen Geschichte.

Autor

  • Martin von Minden

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 11. Januar 2020, 19:30 Uhr