Glosse

Wahlkampf in Bremen: Je mehr Brücken, desto besser?

Neue Brücken fordert die FDP in der Stadtbürgerschaft – neun Monate vor der Wahl wollen das fast alle. Nur die CDU will einen Tunnel. Ein monumentales Thema, findet Karl-Henry Lahmann.

Brücke im Bremer Bürgerpark

Die Brücke. Ein Sinnbild. Verbindender geht es kaum. "Brückenbauer" ist der Ritterschlag für jeden Politiker, jeden Diplomaten und Ingenieur gleichermaßen. Die Brücke von Mostar war einst das alles überstrahlende Symbol der erhofften Versöhnung zwischen den verfeindeten Bevölkerungsgruppen auf beiden Seiten der Neretva, als der ehemalige Bremer Bürgermeister Hans Koschnick als Verwalter im Auftrag der EU nach Mostar ging. Und nun das: Im langsam beginnenden Bremer Bürgerschaftswahlkampf wird die Brücke als solche zum schnöden Wahlkampfthema. Eine gesunde Karriere sieht anders aus.

7 auf einen Streich – Brücke fast zum Nulltarif

Zwei Menschen laufen über eine Brücke.
Die Teerhofbrücke ist für Fußgänger. Die Grünen wollen aber vor allem den "Fahrradbrückenschlag" für Bremen. Bild: Imago | Westend 61

Das Maß der Dinge sind derzeit die Grünen: Sie kamen jüngst mit dem bescheidenen Plan um die Ecke, Bremen auf einen Schlag sieben Brücken zwischen Molenturm in der Überseestadt und Hemelingen zu bescheren. Es erinnert ein bisschen an den Ohrwurm "Über sieben Brücken musst du gehn" der DDR-Band "Karat".

Gehen, ja vielleicht auch. Vorrangig geht es den Grünen aber um den "Fahrradbrückenschlag". Am prominentesten der Doppelschlag: Von der Neustadt über den Stadtwerder in die Altstadt soll sie in zwei Teilen die kleine und die große Weser über – ja, was wohl? – brücken. Und weil die Grünen nicht nur das Bau- und Verkehrsressort besetzen, sondern auch noch jenes, das das viel zu knappe Geld verwaltet und verteilt, gehen sie die Sache vorbildlich ganzheitlich an: mit Finanzierungsvorschlag. 90 Prozent Bundesmittel seien hierfür erhältlich, die Brücke gäbe es mithin fast schon zum Nulltarif. Herrschaften, ist das schön!

Kinder, wie die Zeit vergeht

Die Bremer Stephanibrücke
Noch zwei Jahrzehnten soll die Stephanibrücke genutzt werden.

Da will die FDP nicht knausern, beißt sich an der Pracht der grünen Vorschläge aber letztlich die Zähne aus. "Neue Brücken braucht das Land" tönt die FDP und spezifiziert: "Autobrücken". Es gilt vor allem auch hier, den Plural zu beachten. Die Liberalen gehen zwar bescheidener als die Grünen zu Werke, aber immerhin: Eine soll den Holz- und Fabrikenhafen überspannen, eine weitere die Weser als Ersatz für die in absehbar 20 Jahren abgängige Stephanibrücke.

Mangelnde Weitsicht kann den Liberalen niemand zum Vorwurf machen. Sie haben ihre Lektionen aus zahllosen Planverfahren im Lande gezogen. Ist ja auch realistisch: Acht Jahre Planung sind ein Klacks, noch mal vier Jahre politischer Streit über die Planung, ein Jahr Vorbereitung der Ausschreibung, ein Jahr Ausschreibung, ein Jahr Auswertung der Ausschreibung, vier Jahre Rechtsstreit über den Zuschlag durch drei Instanzen und ein Jahr im Sinn – Kinder, wie die Zeit vergeht! Und dann ist noch immer nichts gebaut, wenn die Brennschneider die verrottete alte Brücke bereits aus dem Weg räumen. Wie sich die Dinge fügen können ...

Was ist mit den Fußgängern?

Fragt sich der geneigte Beobachter nur kopfkratzend: Und was ist mit Fußgängern? Das sind doch diese zweibeinigen Wesen, die von ausnahmslos allen andern Verkehrsteilnehmern als Hindernis und Plage wahrgenommen werden. Es schlägt: die Stunde der SPD, die es gemessen an den Plänen der anderen fast schon possierlich klein angeht. Eine – Achtung! – "Fußgängerbrücke" zwischen Überseestadt und Hohentorshafen könnte es sein. Ein Brückchen im Vergleich zu den Plänen der anderen.

Aber auch das nur so als unverbindliche Idee, nicht wirklich als Forderung oder gar Wahlkampf-Hit. Aber immerhin eine Zuwendung zu Randgruppen. Es kommt also mal wieder auf die Details an. Nicht, dass da noch jemand im Höhenrausch der Brückenplanung auf die Idee kommen könnte, eine Brücke könnte multifunktional sein. Nein, sie braucht schon ihren definierten Zweck und Nutzer.

Der Vorschlag der CDU: einfach unterirdisch!

Gustav-Deetjen-Tunnel
Einfach unten durch: So wie beim Gustav-Deetjen-Tunnel. So was wünscht sich die CDU in Bremen.

Die CDU hält sich da weise raus. Brücken sind ihr zu oldschool, voll 60er gewissermaßen. Eine Brücke, die Flüsse (in Bremen: ja) oder Schluchten (in Bremen: eher nein) überspannt, ist der Union zu sichtbar. Sie möchte es subtiler angehen und die ganze Geschichte Richtung Erdmittelpunkt verschieben. Ja, ein Tunnel soll es sein für die CDU! Ein Tunnel unter der Weser, der die oberirdisch beiderseits des Stroms bereits vorhandenen Fragmente der A 281 zusammenwachsen lassen möge. Denn sie gehören ja unzweifelhaft zusammen.

Und die Moral von der Geschichte? Monumental darf es schon werden, wenn der nächste Gang in die Wahlkabine naht. Und Brücken sind großartige Wegmarken. Erhaben in der Gegend stehend. Ehrfurcht gebietend, Bewunderung provozierend. Da kartografiert sich ein Wahlprogramm wie von selbst drum herum und lässt die Mühen der Ebene und des politischen Alltagsgeschäfts buchstäblich unter sich.

Diskussion im Plenarsaal der Bremischen Bürgerschaft.
  • Karl-Henry Lahmann

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 25. September 2018, 23:30 Uhr