Das erwarten Bremer Briten im Falle des Brexits

Ein EU-Gipfel berät heute in Brüssel darüber, wie es weitergeht in Sachen Brexit. So bereiten sich Bremer Briten auf einen möglichen Austritt Großbritanniens vor.

Pro-Brexit- und Anti-Brexit-Plakate in London.
Der Brexit sorgt für viel Unsicherheit. Auch bei Briten, die in Bremen leben. Bild: DPA | Dinendra Haria / Zuma Press

Es macht Spaß, den nächsten Schritt zu erraten

Porträt von Stephen McClelland
Stephen McClelland, Controlling Coordinator der Jacobs University Bremen

Stephen McClelland nimmt es mit Humor. "Es macht Spaß, den nächsten Schritt zu erraten", kommentiert der Engländer das Wirrwarr um den Brexit. Zwar räumt der Controlling Coordinator der Jacobs University Bremen eine "gewisse Unsicherheit" ein, dass ein Brexit für ihn persönlich ernsthafte Konsequenzen hätte, glaubt McClelland allerdings nicht. Auch hofft er, dass es doch noch zu einem weiteren Referendum kommt und die Briten letztlich in der Europäischen Union bleiben.

Verlassen aber möchte er sich darauf nicht. McClelland hat bereits eine private Rente in einen Fond außerhalb des Vereinigten Königreichs transferiert. "Und ich bin dabei, einen deutschen und einen britischen Reisepass für meinen Sohn zu beantragen", fügt er hinzu.

Der wahrscheinliche Austritt Großbritanniens aus der EU veranlasst derzeit viele Briten, eine doppelte Staatsbürgerschaft zu beantragen, wie Karen Stroink aus dem Bremer Innenressort bestätigt. So sind im Migrationsamt der Stadt Bremen während des noch jungen Jahrs 2019 bereits 96 entsprechende Anträge britischer Staatsbürger eingegangen und im Migrationsamt der Stadt Bremerhaven 18. Das sind beinahe so viele Einbürgerungsanträge wie Bremens Migrationsämter in den Jahren 2017 und 2018 zusammen bearbeiten mussten. Vor dem Brexit-Referendum der Briten im Juni 2016 hat kaum ein Brite im Land Bremen einen zweiten Pass haben wollen.

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Was diesen zweiten Pass aus Sicht eines Briten so attraktiv macht, erklärt Jeremy Hookway, Lektor im Fremdsprachenzentrum der Hochschule Bremen. Auch er hat inzwischen die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt. Zwar fühle er sich weiterhin sehr britisch, noch mehr aber als Europäer, stellt der 54-jährige Engländer klar. Hookway hat seinen Lebensmittelpunkt schon vor etlichen Jahren nach Bremen verlagert, hat hier mit seiner deutschen Freundin eine Familie gegründet.

Ein neuer Volksentscheid würde sehr wahrscheinlich anders ausgehen.

Porträt Jeremy Hookway
Jeremy Hookway, Lektor im Fremdsprachenzentrum der Hochschule Bremen

Erst das viel zitierte "Free Movement", die freie Wahl des Wohnorts und der Arbeitsstätte innerhalb der gesamten Europäischen Union, habe ihm dieses Leben ermöglicht, glaubt er. Genau wie McClelland hofft auch Hookway, dass die britische Bevölkerung den Brexit doch noch abwendet: "Ein neuer Volksentscheid würde sehr wahrscheinlich anders ausgehen."

An eben diese Hoffnung auf ein neues Votum klammert sich auch Sophie Chattington. Die 28-jährige Biologin aus Schottland hat binnen der letzten sieben Jahre in Frankreich, Schweden, den Niederlanden und der Schweiz gelebt, ehe sie nach Deutschland zog. Derzeit promoviert sie an der Uni Bremen.

Für britische Forscher und für die Wissenschaft in Großbritannien wäre der Brexit extrem destruktiv.

Porträt Sophie Chattington
Sophie Chattington, Biologin

Die Bewegungsfreiheit innerhalb der EU sei gerade für Wissenschaftler ein hohes Gut, findet Chattington und kommt daher zu dem Schluss: "Für britische Forscher und für die Wissenschaft in Großbritannien wäre der Brexit extrem destruktiv."

Doch auch für sie persönlich hätte ein Brexit unter Umständen fatale Folgen, sagt Chattington: Sie möchte unter Umständen gern dauerhaft mit ihrem Freund in Bremen leben. Das aber könnte im Falle des Brexits kompliziert werden.

Da die junge Wissenschaftlerin nämlich erst seit rund vier und nicht schon seit acht Jahren in Deutschland lebt, hat sie keinen Anspruch auf einen deutschen Pass. Chattington wäre daher nach einem Brexit womöglich nicht länger Bürgerin der Europäischen Union – obwohl Schottland für den Verbleib in der EU gestimmt hat. Die Konsequenzen für Chattington wären kaum abzusehen.

Deutsche Firmen ziehen sich aus Großbritannien zurück

"Britische Bürger werden in Deutschland als Mitarbeiter aus Drittstaaten betrachtet und müssen eine Arbeitserlaubnis beantragen oder die deutsche Staatsangehörigkeit beantragen", sagt Annabelle Girond, stellvertretende Leiterin des Geschäftsbereichs International der Handelskammer Bremen. Allerdings, fügt die Expertin hinzu, hätten die deutschen Behörden bereits Sonderregelungen für den Fall der Fälle angekündigt, hätten beispielsweise Übergangsfristen und verkürzte Bearbeitungszeiten in Aussicht gestellt.

Der Firmendatenbank der Handelskammer zufolge pflegen derzeit 307 Unternehmen aus Bremen und Bremerhaven Kontakte zu Großbritannien. 55 dieser Unternehmen beschäftigen sogar Mitarbeiter auf der Insel, berichtet Girond. Allerdings wollten einige dieser Beschäftigten nicht länger in Großbritannien arbeiten und kehrten zurück nach Deutschland. Manches hiesige Unternehmen ziehe sich gar vollständig von der Insel zurück, hat die Handelskammer beobachtet.

  • Alexander Schnackenburg

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Nachrichten, 10. April 2019, 6 Uhr