Bremens Einzelhändler merken: "Die Leute wollen Weihnachten"

Trotz Corona erwarten viele ein gutes Weihnachtsgeschäft. Spielzeughändler sorgen sich sogar, ob genug Geschenke auf Lager sind. Doch es gibt mehrere Seiten.

Menschen mit Einkaufstaschen in einer Fußgängerzone.
Viele Kunden wollen den Einzelhandel bewusst unterstützen. Bild: DPA | Hauke-Christian Dittrich

Durch Corona boomt der Online-Handel, die Innenstädte verwaisen und die Einzelhändler ringen um ihr Überleben – das ist das Schreckensszenario, das in den vergangenen Monaten immer wieder heraufbeschworen wurde. Und ja, große Online-Händler boomen: Der Umsatz von Marktführer Amazon hat sich laut dem Unternehmen im dritten Quartal 2020 verdreifacht. Und auch die Deutsche Post erwartet in dieser Vorweihnachtszeit 16 Prozent mehr Pakete in Bremen und Umgebung als 2019. Doch auch einige Bremer Händler blicken optimistisch auf das kommende Weihnachtsgeschäft.

Einer von ihnen ist Mirko Sanders, Inhaber eines Spielwarengeschäfts im Bremer Stadtteil Findorff. "Die Leute sind zu Hause und müssen mehr mit der Familie machen. Daher verkaufen wir unwahrscheinlich viele Puzzle und Spiele", so Sanders. Statt Kunden-Mangel habe er ein anderes Problem: Da die Produktion der Spielwaren im Frühjahr pausieren musste, seien die Lager der Firmen zunehmend leer. Das könne im Weihnachtsgeschäft dazu führen, dass es gerade gegen Ende einen Lieferengpass gibt.

Starker Zusammenhalt in Stadtteilen

Mirko Sanders steht in seinem Spielwarengeschäft in Findorff
Mirko Sanders verkauft mehr Spiele und Puzzel als im Vorjahr. Bild: Radio Bremen | Marco Lutz

Dass er statt einem Einbruch im Weihnachtsgeschäft sogar einen Umsatzzuwachs erwartet, liegt laut Sanders auch daran, dass gerade in Findorff die Bindung an den Stadtteil sehr eng ist. Viele Bewohner kauften lieber vor Ort ein als im Internet – unter anderem wohl auch, da die Wege so kurz sind. "Ich kenne auch andere Geschäfte, die unwahrscheinlich Probleme haben, weil sie zu weit weg vom Wohnort der Kunden sind", gibt Sanders zu bedenken.

Das hat auch Hartmut Hankel in seinem Schuhgeschäft so beobachtet: "Die Menschen fahren nicht in die Stadt, sondern sie machen das Nötigste vor Ort." Auch, dass viele ihre Weihnachtsgeschenke im Internet kaufen, könne er sich vorstellen. Doch gerade bei Dingen wie Schuhen sei die Beratung und das Anprobieren vor Ort seinen Kunden noch wichtig – und viele wollten auch bewusst den Einzelhandel unterstützen. An das Niveau des Vorjahres werde sein Geschäft wohl trotzdem nicht herankommen.

Unterschiede von Branche zu Branche

Norbert Caesar führt im Bremer Viertel ein Geschäft für Haushaltswaren und ist Vorsitzender des Interessenverbands der Händler im Viertel. In Corona-Zeiten habe es dort ein relativ hohes Aufkommen gegeben, auch sein Laden laufe nicht deutlich schlechter als vor Corona. Im Großen und Ganzen sei die Stimmung mit Blick auf die Vorweihnachtszeit "dezent positiv", so Caesar. Viele Kunden hätten durch die Schließungen im Frühjahr gemerkt, was es für die Lebensqualität bedeutet, wenn die Läden im Lebensumfeld schließen.

Doch in dem Stadtteil gebe es viele verschiedene Geschäfte, von denen einige sehr viel härter getroffen werden als andere. Darauf verweist auch Jan König vom Handelsverband Nordwest. Insbesondere Betriebe wie Schuh-, Lederwaren- und Textilfachgeschäfte, die in der Regel in den Innenstädten zu finden sind, rechneten in diesem Jahr mit hohen Einbußen – auch, weil die Kunden lieber von zu Hause aus im Internet bestellten. "Viele fragen sich tatsächlich schon, ob es sich überhaupt noch lohnt, die Geschäfte aufzumachen", berichtet König.

Denen, die vom Zuhause-Bleiben profitieren, also zum Beispiel Geschäfte für Haushaltswaren und Geschenkartikel, geht es ganz gut. Aber die, die zum Beispiel Kleidung für gesellschaftliche Anlässe verkaufen, haben große Probleme.

Norbert Caesar, Inhaber des Geschäfts "Ceasar" und Vorsitzender des Interessenverbands der Händler im Viertel

Lokale Online-Angebote als neues Standbein

Ganz an das Weihnachtsgeschäft der vergangenen Jahre werde man wohl nicht herankommen, vermutet auch Stephan Meyer-Olejac, Inhaber einer Confiserie in der Bremer Innenstadt. Dafür fehlten vor allem die Touristen, die durch den Weihnachtsmarkt in die Stadt kommen. Doch allzu groß würden die Einschnitte wohl nicht werden – vor allem dank des Online-Verkaufs. "Wir hatten einen Zulauf in dem Bereich, der ist Wahnsinn", sagt Meyer-Olejac. Mindestens verdreifacht hätten sich die Bestellungen. "Das bügelt nicht alle Falten des Jahres wieder aus, aber doch einige."

Wir merken: Die Leute wollen Weihnachten. Und sie wollen auch wieder das ausgeben, was sie in den letzten Jahren ausgegeben haben.

Stephan Meyer-Olejac, Inhaber der Confiserie Domshof

Doch selbst der Ausfall des Weihnachtsmarkts bedeutet nicht für alle Händler einen Nachteil. Dana Lüttge führt einen Antiquitätenladen im Bremer Viertel und sieht die Situation in einem positiven Licht: Viele Menschen würden sich in diesem Jahr einen neuen Ort suchen, an dem sie ihre Weihnachtsdekoration kaufen – und dabei vielleicht auch in ihrem Laden vorbeischauen. Den Onlinehandel sieht sie dabei nicht als großen Konkurrenten: "Im Internet kaufen die Menschen ein, die neue Dinge suchen. Aber wir haben ja ältere Dekorationen – die haben einen besonderen Charme", so Lüttge.

Wirtschafts-Experte: Persönliche Bindung als Gegenmittel

Auch, wenn einige der Händler eher positiv auf die vergangenen Monate und auch auf das kommende Weihnachtsgeschäft schauen: Christoph Burmann, Wirtschaftsexperte der Universität Bremen, ist weniger optimistisch. Denn gerade jetzt in der zweiten Welle sei die Verunsicherung der Menschen sehr groß und der Kaufwille daher sehr klein – egal, ob Weihnachten oder nicht.

Gerade im Laufe der Corona-Krise sei zudem der Onlinehandel rasant gewachsen – und wer ein Mal auf das Onlineshoppen umgesteigen ist, der komme nur selten zurück in den stationären Handel. Und auch, wenn einzelne Läden trotzdem eine positive Bilanz ziehen: Für einen Überblick müsse man auf den Gesamtumsatz der Branche schauen und die Mehreinnahmen der einen mit den Verlusten der anderen verrechnen. Und dabei sehe der lokale Einzelhandel schlecht aus.

Dass gerade Geschäfte mit enger Bindung an die Nachbarschaft besser dastehen als andere, überrascht den Experten allerdings wenig: "Die persönliche Bindung wirkt der Verunsicherung entgegen." Gepaart damit, dass die Händler ihre Kunden in diesen Geschäften wohl sehr gut kennen und auf sie eingehen können, sei das eine Chance, dem Onlinehandel etwas entgegenzusetzen.

Gibt die Corona-Krise dem Einzelhandel in der Bremer City den Rest?

Video vom 1. November 2020
Wirtschaftswissenschaftler Christoph Burmann zu Gast im Studio von buten un binnen.
Bild: Radio Bremen

Weitere Informationen:

Autorin

  • Rebecca Küsters

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 27. November 2020, 19:30 Uhr