Bremer Unternehmer auf dem Weg in eine neue Normalität

Vorsichtige Kunden, viel Desinfektionsmittel: Eine Kosmetikerin, ein Friseur und ein Gastwirt erzählen von den ersten Wochen seit den Corona-Schließungen – und wagen Ausblicke.

Eine Kosmetiker mit FFP2- und Plexiglas-Maske behandelt Patientin im Gesicht
Eine Gesichtsbehandlung in der Bremer Kosmetik-Praxis Hautquartier: Praxismanagerin Lisa Schäfer und die Patientin trennen zwei Schutzmasken und eine gläserne Wand.

Gleich, ob die Behandlung 30 Minuten oder einen halben Vormittag in Anspruch nehmen wird: Silke Gohlke schlägt jetzt in ihrem Terminkalender bei jeder Kundin und jedem Kunden pauschal eine halbe Stunde oben drauf. Die Betreiberin der Kosmetik-Praxis "Hautquartier" in der Faulenstraße spricht von einer "Desinfektionsschleife", die sie auf diese Weise einplane. Denn nach jeder Behandlung müsse ihr Team nicht nur alles waschen, was die Kundin berührt habe, sondern den gesamten Raum desinfizieren. Und das, sagt Gohlke, dauere eben seine Zeit, wenn man es richtig mache.

Zwar haben schon vor Ausbruch der Corona-Pandemie strenge Hygiene-Vorschriften in den Kosmetik-Betrieben gegolten. So sind es Kosmetikerinnen seit jeher gewohnt, mit Gesichtsmasken und Handschuhen zu arbeiten, um sich etwa vor Körperflüssigkeiten wie Speichel oder Blut zu schützen. Jetzt aber müssen sich Silke Gohlke, ihre Mitarbeiterinnen sowie die Kundinnen des "Hautquartiers" auch vor Aerosolen schützen, durch die das Coronavirus übertragen werden könnte. Der Mehraufwand ist gewaltig.

"Wenn wir jemanden im Gesicht behandeln, kann diese Person natürlich keine Maske tragen. Wir Kosmetikerinnen sind dazu verpflichtet, in solchen Fällen FFP2-Masken aufzusetzen", erklärt Gohlke. Die Unternehmerin stellt den Sinn dieser Vorkehrung nicht in Abrede. Gleichwohl schlagen die vielen Corona-Schutzmaßnahmen kräftig zu Buche, wie das Beispiel der FFP2-Masken zeigt.

Teurer Mehraufwand

Üblicherweise kommen diese Masken, die über einen besonderen Schutzfilter verfügen, nur in der Medizin zum Einsatz. Sie sind nicht gerade billig. Ihr Einzelpreis liege derzeit bei 4,50 bis 6,50 Euro, sagt Gohlke. Sie hat die Masken in einer sehr hohen Stückzahl zu entsprechend günstigeren Konditionen gekauft. Nicht nur, um den Preis erträglich zu halten, sondern auch, weil sie sehr viele Masken benötigt: "Wir müssen für jede Kundin eine neue FFP2-Maske aufsetzen", sagt sie. Zwar könne sie die getragenen Masken bis zu zweimal bei 65 bis 70 Grad im Heißluftsterilisator aufbereiten, wo sie auch beispielsweise ihre Pinzetten sterilisiere. Danach aber müsse sie die Masken entsorgen.

Fingernagel-Behandlung in einem Kosmetik-Studio
Zwar gelten für Behandlungen der Fingernägel nicht so strenge Hygienevorschriften wie für solche des Gesichts. Dennoch setzt das Hautquartier auch hier eine gläserne Wand ein.

Günstiger kommt Gohlke bei der Schutzkleidung davon. Zwar muss das Hautquartier-Team auch die weißen T-Shirts neuerdings nach jeder Behandlung wechseln. Allerdings dürfen die Kosmetikerinnen die T-Shirts, nachdem sie bei 60 bis 90 Grad gewaschen worden sind, beliebig häufig wieder anziehen. Die Waschmaschinen laufen im Hautquartier fast permanent, seit die Praxis wieder geöffnet ist.

Acht Wochen hatte Silke Gohlke infolge der Corona-Pandemie geschlossen. Doch auch jetzt kann sie aufgrund der vielen Schutzvorkehrungen bei Weitem nicht dieselben Umsätze erzielen wie vor der Seuche. Zudem glaubt die Kosmetikerin: "Wir werden noch ein Jahr damit zu tun haben, vielleicht auch länger."

Keine frauenfreundliche Politik

Gohlke denkt dabei nicht allein an die vielen Schutzmaßnahmen. Sie geht auch davon aus, dass viele Kundinnen und Kunden eine Weile wegbleiben könnten. Sei es, weil sie ihre Arbeit verloren haben, weil sie in Kurzarbeit sind, oder weil sie sich aus Angst vor dem Virus kaum aus dem Haus trauen. Nicht nachvollziehen kann die Kosmetikerin vor diesen Hintergründen, dass die Bremer Politik Partys – wenn auch mit Einschränkungen – wieder zulässt. Umso weniger, als die Kinder noch nicht wieder wie gewohnt in die Schulen und in die Kitas dürften.

"Das trifft uns Kosmetikerinnen besonders hart", sagt Gohlke. "In unserer Branche arbeiten fast ausschließlich Frauen. Sollen wir gleichzeitig Geld verdienen, auf unsere Kinder aufpassen und zusehen, wie sich andere Leute auf Partys infizieren, damit das dann immer so weitergeht?" Gohlke findet, dass die Politik seit Beginn der Pandemie viel zu wenig an Frauen denkt.

"Es gibt für uns nichts zu meckern"

Eine Friseurin mit Atemschutzmaske frisiert eine Kundin mit Maske
Hairliner's in der Schwachhauser Heerstraße: Viel hat sich gar nicht geändert, sagt der Chef. Aber natürlich gilt im Salon die Maskenpflicht.

Ist die Arbeit für die Kosmetik-Betriebe aufgrund der Seuche in vielerlei Hinsicht komplizierter geworden, so ist für Friseure fast alles gleich geblieben. So zumindest sieht es Stefan Hagens, der zusammen mit seinem Geschäftspartner Rainer Kaemena unter dem Label Hairliner's drei Salons in Bremen betreibt. "Mir ist unbegreiflich, dass jetzt einige Kollegen auf die Barrikaden gehen und sich über angeblich ganz neue Hygiene-Standards aufregen", sagt Hagens.

Trockenhaarschnitte habe er noch nie angeboten, weil sich nasse Haare besser schneiden ließen. Entsprechend treffe ihn auch nicht, dass Trockenhaarschnitte derzeit nicht erlaubt seien. Habe sein Team vor der Pandemie die Arbeitsplätze nach jeder Kundin und jedem Kunden gereinigt, so würden diese Plätze nun zusätzlich desinfiziert. Außerdem trügen alle im Salon Masken.

Statt, wie vor Corona, von 9 bis 19 Uhr, hätten diese Salons nun von 7 bis 20 Uhr geöffnet. Auf diese Weise sei es möglich, die Crew in zwei Schichten aufzuteilen. Das wiederum sei sinnvoll, weil aufgrund der Mindestabstandsregeln nur eine begrenzte Zahl von Kunden und Mitarbeitern gleichzeitig im Raum sein dürfe. Mehr aber habe sich infolge der Seuche für Friseure nicht verändert, sehe man davon ab, dass die Salons zeitweise schließen mussten, sagt Hagens: "Es gibt für uns nichts zu meckern", betont er.

Die Chance in der Pandemie

Hagens sieht sogar eine Chance in der Pandemie: Die Seuche könnte den einen oder anderen Kollegen dazu zwingen, längst fällige Änderungen nun tatsächlich vorzunehmen. Dabei denkt er nicht nur an die Hygiene-Standards, die für sein Empfinden von einigen Betrieben vor der Pandemie nur unzureichend eingehalten worden sind, und die nun das Ordnungsamt verschärft kontrolliere. Hagens hat auch die Buchhaltung der Friseure im Blick. "Schwarzarbeit ist eines der größten Probleme unserer Branche", sagt er.

Um Schwarzarbeit entgegen zu wirken, seien Friseure daher streng genommen schon länger dazu verpflichtet, jeden Kassenbeleg personalisiert zu buchen. Das Finanzamt wolle nachvollziehen können, wer wem wann zu welchem Preis die Haare geschnitten hat. In der Praxis aber, sagt Hagens, hielten sich viele Betriebe bislang nicht an diese Regel.

Wegen der Corona-Pandemie aber müsse nun jeder Friseur die Kundendaten auch auf Bögen der Handwerkskammer und der Innung übertragen, damit sich mögliche Infektionsketten nachvollziehen ließen. Auch darauf habe das Ordnungsamt ein Auge. "Das könnte eine Chance für uns im Kampf gegen Schwarzarbeit sein", hofft Hagens. Ohnehin glaubt er, dass die Seuche korrigierend auf den Markt einwirken könne: "Wer kreativ ist, wird zu den Gewinnern zählen, egal ob als Friseur oder in der Gastro."

Stammgäste haben Kneipe renoviert

Junger Mann mit tätowiertem Arm und Atemschutzmaske zapft in einer Kneipe ein Bier
Hat den Schwarzen Hermann während des Shutdowns mit Stammgästen renoviert: Kneipenwirt Johannes Ziegler.

Dass tatsächlich jeder, der kreativ ist, am Ende zu den Gewinnern zählen wird, glaubt Johannes Ziegler allerdings nicht. "Das hieße ja, dass jeder, der jetzt auf der Strecke bleibt, nicht kreativ gewesen ist. Das möchte ich keinem Kollegen unterstellen", sagt der Betreiber der Kneipe Schwarzer Hermann in der Parkallee. Ziegler darf mit Fug und Recht außerordentliche Kreativität für sich reklamieren.

Er hat die Corona-bedingte zweimonatige Schließzeit des Schwarzen Hermanns genutzt, um die Gaststätte komplett zu renovieren. Mit Hilfe von zeitweise bis zu 15 Stammgästen, die ihm unentgeltlich geholfen haben, hat Ziegler den Fußboden des Hermanns erneuert, die Sitzecken umgestaltet, Tischplatten geschliffen und lackiert, neue Lampen installiert, die Theke neu verkleidet, zusätzliche Kabel und Steckdosen verlegt sowie den Biergarten herausgeputzt.

Dort stehen die Tische nun in einem deutlich größeren Abstand zueinander als zuvor. Wo das nicht möglich ist, hat Ziegler Trennscheiben aus Plexiglas eingezogen. Sein Team trägt während der gesamten Arbeitszeit Masken. "Unsere Gäste sind wahnsinnig froh, dass sie wieder ausgehen dürfen. Das spüren wir deutlich", stellt der Gastwirt fest. Allerdings beobachte er auch eine gewisse Zurückhaltung: "Wir merken, dass sich alle möglichst draußen aufhalten wollen. Bei schlechtem Wetter oder nach 23 Uhr, wenn der Biergarten dicht macht, ist nicht mehr viel los."

Gastwirt fordert Hilfe durch die Politik

Zwar hat Ziegler, als der Schwarze Hermann geschlossen war, 9.000 Euro Bundeshilfen bekommen. Die fortlaufenden Kosten aus Pacht, Geschäftsführer-Gehalt, Leasing-Verträgen, Versicherungen und Krediten aber konnte er mit den 9.000 Euro nicht abdecken. "Wenn wir keine Rücklagen gehabt hätten, wäre es das für uns gewesen", sagt der Wirt. Er fordert weitere Hilfspakete für seine Branche. Andernfalls würden etliche Gaststätten nicht überleben.

Zumal für die kommenden Wochen mit deutlich niedrigeren Einnahmen bei höheren Ausgaben als im Vorjahr zur rechnen sei. Wie alle Gastwirte, darf Ziegler derzeit nur maximal 50 Prozent der Kapazitäten seiner Kneipe für Gäste öffnen. "Das ist aber eh klar. Anders könnten wir die Abstandsregeln gar nicht einhalten", sagt er dazu.

Klagen möchte Ziegler dennoch nicht über die Corona-Schutzmaßnahmen. Es sei wichtig, dass es unserer Gesellschaft schnell gelinge, die Pandemie einzudämmen. Eine zweite Welle müsse unbedingt verhindert werden. "Einen weiteren Shutdown würden wir wohl nicht verkraften", sagt Ziegler. Mit Blick in seine frisch aufgepeppte Kneipe fügt er jedoch gleich hinzu: "Aber ich behaupte jetzt einfach mal: Wir werden hier noch sehr lange unseren Spaß haben."

Im Dschungel der Corona-Verordnungen: Was ist aktuell und was gilt?

Video vom 29. Mai 2020
Mehrere Playmobil Figuren stehen auf ein Tuch und stellen ein Picknick dar.

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Autor

  • Alexander Schnackenburg

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 30. Mai 2020, 19.30 Uhr