Interview

"Außerirdisches Leben muss für uns nicht unbedingt gut sein"

In die Raumfahrtbranche fließen Milliarden. Warum das so ist und was am All so faszinierend ist, weiß Dirk Stiefs vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt.

Ein Alien (Computervisualisierung)
So spannend die Vorstellung auch ist, dass wir nicht allein sind: Außerirdische müssen uns nicht unbedingt wohlgesinnt sein. Bild: Image | Chromorange

Dirk Stiefs leitet das School Lab vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Bremen. Sein Job ist es, Kindern und Laien den Mythos Weltraum nahezubringen. Auch wir haben mal ganz naiv nachgefragt, was am All so faszinierend ist und was es aber auch zu einem milliardenschweren Geschäft macht.

Herr Stiefs, Raumfahrt, ja, warum denn eigentlich?
Zum einen fasziniert die Raumfahrt. Sciene Fiction boomt heute genauso wie vor 50 Jahren. Und vieles aus der Sciene Fiction ist schon Realität geworden. Trotzdem will man immer weiter hinaus – zum Beispiel Menschen auf den Mars bringen. Zum anderen bestimmt Raumfahrt ja schon unser alltägliches Leben. Raumfahrt ist nicht nur Zukunft, sondern auch Alltag. Ein plakatives Beispiel: Navigation und Kommunikation. Das, was wir täglich nutzen, würde es ohne Raumfahrt nicht geben. Auch die Zukunft der Erde im Blick zu behalten, ist heute wichtiger denn je.
Ein Mann in weißem Kittel
Dirk Stiefs ist Leiter des School Labs des Deutschen Instituts für Luft- und Raumfahrt. Bild: DLR
Mal provokativ gefragt: Verbrennen wir nicht viel Geld, wenn wir nach Leben auf dem Mars suchen? Was hat der Mensch davon?
Es ist auch eine kulturelle Frage, ob gesagt wird: 'Es ist mir egal, ob es Leben auf dem Mars gibt, oder nicht.' Für viele Wissenschaftler ist es die spannendste Frage überhaupt, ob es Leben außerhalb der Erde gibt und damit verbunden auch die Fragen: 'Wo kommt das Leben eigentlich her und kommt es überhaupt von der Erde?' Man darf natürlich nicht die Probleme auf der Erde vergessen, aber durch genau solche Fragestellungen funktioniert Fortschritt. Es wird immer wieder gesehen, dass Raumfahrt als Technologie-Motor die Erde voranbringt.
Wann ist es denn realistisch, dass Menschen ohne jahrelange Astronauten-Ausbildung auf dem Mars leben?
Da ist die Frage, ob das überhaupt so erstrebenswert ist. Es wird ja immer wieder darüber geredet, den Mars zu kolonialisieren. Ich halte es für besser, erst einmal den Mars zu erforschen. Wissenschaftler können dort viel besser arbeiten und flexibler reagieren als Geräte, die dahin geschickt werden. Natürlich ist das eine schöne Sciene-Fiction-Vorstellung, auf der Erde einzusteigen und auf dem Mars wieder auszusteigen, aber in naher Zukunft sehe ich das nicht.
Der Weltraum ist ein riesengroßer Mythos; in Filmen, in Büchern und in Songs immer wieder ein Thema. Was fasziniert die Menschen daran so?
Zum einen ist es, glaube ich, das Unbekannte, zum anderen sind es die Maßstäbe, die man sich nicht vorstellen kann. Da kommt man ganz schnell zu essentiellen Fragen wie 'Was ist Zeit?' und 'Wie kann man sich Zeit vorstellen, wenn man bedenkt, dass wir nur ein kleiner Augenblick in der Entstehung des Universums sind?'. Außerdem gibt es viele komische theoretische Konstrukte, mit denen man das Universum verstehen möchte, die selbst für Wissenschaftler schwer greifbar sind. Da ist noch viel zu erforschen. Das liegt auch in der Natur des Menschen, verstehen zu wollen, was man nicht verstehen kann.
Was aus den Science-Fiction-Vorstellungen kann denn Realität werden?
Dass Mond und Mars betreten werden. Nicht nur kurz, sondern dass Außenposten dort entstehen. Das ist ja durchaus auch eine Vorstellung aus dem Science-Fiction-Bereich. Menschen außerhalb unseres Sonnensystems sehe ich in naher Zukunft nicht.
Nehmen wir an, es gibt wirklich irgendwo im Weltall eine ähnlich entwickelte Gesellschaft wie unsere. Was wären dann die Schritte? Gibt es für so etwas irgendwo Geheimprotokolle?
Ich bin als Physiker jetzt kein Experte dafür, aber ich habe schon mitbekommen, dass sich durchaus Gedanken gemacht wurden. Es gab immer wieder Momente, wo man Signale aus dem All empfangen hat, die nicht zugeordnet werden konnten. Daraufhin hat man schon nachgedacht: 'Was machen wir jetzt?' Natürlich hat sich aber herausgestellt, dass die Signale nicht von Außerirdischen kamen.
Man muss sich im Klaren sein, dass es nicht unbedingt gut sein muss. Natürlich ist das wissenschaftlich total spannend, aber wenn das eine hochtechnologische Zivilisation ist, dann muss die keine guten Absichten haben. Andererseits besteht auch dann kein Grund zur Panik. Selbst wenn wir Nachrichten aus dem tiefen Weltall bekommen, sind die dann schon ewig unterwegs – genau wie es unsere Antwort auch noch mal wäre. Falls wir dann antworten möchten! Es steht also nicht gleich jemand vor der Tür. 
Der Weltraum um die Erde
Bild: Imago | Ikon Images
US-Präsident Donald Trump hat im August die "Space Force" angekündigt, eine Weltraum-Armee. Bekriegen sich bald Raumschiffe wie bei "Star Wars" im All?
Raumfahrt war militärisch auch immer interessant. Gerade die Anfänge waren ja ein Wettlauf um die Zeit. Wir sollten uns darüber freuen, wie viel zivilen Nutzen das bekommen hat und da finde ich den Vorstoß in eine militärische Richtung eher einen Rückschritt.
Wo geht es denn in der Raumfahrtbranche gerade hin?
Der Fokus liegt aus meiner Wahrnehmung darauf, Menschen tiefer ins All zu bringen. Die Internationale Raumstation ISS wird nicht mehr ewig betrieben und da muss sich auch gefragt werden, was dann getan wird. Mond und Mars sind sehr interessant. Das werden die nächsten großen Meilensteine sein. Was auch viel diskutiert wird, ist der Abbau von Rohstoffen im Weltall.
Warum geht Raumfahrt alle was an und nicht nur "Nerds"?
Man kann, wenn man in die Ferne blickt, viel über sich selbst und die Erde lernen. Das sagt auch der deutsche Astronaut Alexander Gerst, dass man mit dem Blick von außen auch einen völlig anderen Blick auf Grenzen und Kulturen bekommt. Dass man merkt, dass wir alle im gleichen Boot sitzen. Das ist eine schöne Message aus der Raumfahrt. Auf der ISS funktioniert das ja auch, da arbeiten viele Nationen zusammen. Auch die USA und Russland. Außerdem sollte man wissen, wie wichtig Raumfahrt ist. Wenn man fragt "Ist das nicht zu teuer?", muss bedacht werden: Raumfahrt ist überall, siehe Navigation, Kommunikation und Wettervorhersage. Keiner weiß genau, was in Zukunft mit der Erde passiert. Und auch gerade klimatisch ist es wichtig, die Erde gut im Blick zu behalten.
  • Ben Safier

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 1. Oktober 2018, 23:30 Uhr