Infografik

Wie Blühfelder Bremens Vögeln und Insekten über den Winter helfen

Um kleinen Tieren wie Bienen Zuflucht zu bieten, setzen Umweltschützer auf Blühstreifen. Jeder kann mitmachen: auf dem Balkon, der Straße – oder auf einem Feld in Arsten.

Älterer Herr mit Vollbart und Frau mit roten Haaren strahlend auf herbstlicher Wildwiese
Haben Freude am pulsierenden Leben auf dem Blühfeld: Landwirt Jan-Gerd Bätjer und Patin Renate Neumann-Breeger. Bild: Radio Bremen | Alexander Schnackenburg

Unmittelbar ins Auge des Betrachters fällt das Blühfeld an der Arster Heerstraße/Ecke Riederdamm nicht gerade. Schon gar nicht jetzt, im Frühherbst, da die meisten Blumen ihre Blütezeit hinter sich haben. Und so muss – zumindest der Laie – schon genauer hinsehen, um den wildwuchernden, grau-braunen Streifen am Ende des sauber gemähten Rasens auch wirklich als das zu erkennen, was er ist: eine mit Bedacht bestellte Fläche, 3.200 Quadratmeter groß. Der Landwirt Jan-Gerd Bätjer, Betreiber des Willershofs, hat die Fläche von einem großen Acker abgezweigt, um der heimischen Tierwelt einen Lebensraum für das ganze Jahr zu bieten: bunt im Frühjahr, reich an Schutz und Nahrung auch im Winter.

Statt Getreide wachsen hier verschiedene Kleesorten, Borretsch, der Oelrettich oder auch Sonnenblumen, die meisten Pflanzen etwa knie- bis hüfthoch. "Das ist wichtig, damit sich das Niederwild darin verstecken kann", sagt Bätjer. Dabei denke er etwa an Fasane oder auch an Rebhühner. Diese Vögel lägen ihm ebenso am Herzen wie all die Insekten, die sich durch sein Blühfeld angezogen fühlen. Denn hier können sie sich vor Fressfeinden verstecken, können ihre Eier ablegen und finden Nahrung.

Entsprechend summt und brummt es kräftig auf Bätjers Feld. Was dem Betrachter aus der Ferne verborgen bleibt, erschließt sich aus der Nähe umso deutlicher: Im Gestrüpp des Blühfelds pulsiert das Leben. Edelfalter, Bläulinge und noch einige andere Schmetterlinge flattern durch die Luft. Je wärmer es an diesem Vormittag wird, desto mehr Hummeln und Bienen kommen hinzu, tummeln sich zwischen den Blüten des Persischen Klees und des Borretsch. Auch an Schwebfliegen mangelt es nicht. Im Hintergrund bergen sich auch ein paar größere Tiere: Feldhaasen beäugen die Szenerie.

Insekten auf dem Rückzug

Hier, auf dem Arster Blühfeld, fällt schwer zu glauben, wovon Umweltschützer seit Jahrzehnten berichten: Die Insektenpopulationen gehen dramatisch zurück – in Bremen, in Deutschland, überall auf der Erde. Als Hauptgründe hierfür nennen die Heinrich-Böll-Stiftung, der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) und "Le Monde diplomatique" in ihrem gemeinsam publizierten Standardwerk "Insektenatlas" den Klimawandel sowie die Zerstörung von natürlichen Lebensräumen durch den Menschen. Insbesondere Monokulturen und Chemieeinsätze in der Landwirtschaft bedrohten Insekten und andere Tiere in ihrer Existenz.

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Innerhalb von gerade einmal 27 Jahren, von 1989 bis 2016, sind rund 77 Prozent der Gesamtmasse an Fluginsekten in Deutschland verschwunden. Das hat eine 2017 veröffentlichte Langzeitstudie des Etomologischen Vereins Krefeld ergeben. Diese Studie, für die die Wissenschaftler das Vorkommen von Fluginsekten an 60 deutschen Standorten untersuchten, gilt weithin als die aussagekräftigste Untersuchung der letzten Jahre.

Das sagt auch Sabine Steinhausen vom BUND Bremen. Vergleichbare regionale Erhebungen für Bremen oder Niedersachsen sind ihr nicht bekannt. Dennoch stehe fest: "Fast alle Insektenpopulationen gehen zurück, auch bei uns. Und Blühwiesen können ganz vielen Insekten dabei helfen, zurückzukehren."

Spezialisierte Wildbienen

Hummel steuert auf Blüte zu
Eine Hummel auf dem Arster Blühfeld, aufgenommen im Frühsommer. Bild: Norbert Breeger | Norbert Breeger

So seien viele der über 500 Wildbienenarten, zu denen auch Hummeln zählten, auf einige wenige Pflanzen spezialisiert. Ohne diese Pflanzen fehle ihnen die Lebensgrundlage. Mit ihnen fühlten sie sich dagegen wohl. Neben Obstbäumen, Johannesbeer-, Stachelbeer- oder Brombeersträuchern seien auch einige Wildblumen gut geeignet, um die Bienen anzulocken, darunter Lavendel, verschiedene Glockenblumenarten oder der Gewöhnliche Natternkopf. Auch Kräuter wie Thymian oder Salbei stünden in der Gunst der Wildbienen hoch. Krokusse hätten den Vorteil, dass sie den Tieren schon im Februar mit ihren Blüten Nahrung böten.

Um Bienen und anderen Insekten Zuflucht zu bieten, pflegt der BUND Bremen in Kooperation mit dem stadteigenen Umweltbetrieb Bremen gut 20 kleine Blühstreifen im öffentlichen Raum, im Rembertikreisel ebenso wie am Bultensee in Osterholz, an den Bahnhöfen der Neustadt wie Mahndorfs oder auch an der Neuenlander Straße, um nur einige Beispiele für zu nennen. "Darum kümmern sich ehrenamtliche Patinnen und Paten", erklärt Steinhausen das Modell.

Bernd Quellmalz, Regionalgeschäftsführer des BUND Niedersachsen und mitverantwortlich für Bremerhaven, wünscht sich, dass es die Bremerhavener den Bremern gleichtun könnten. "Es ist uns bislang aber noch nicht geglückt, Leute zu finden, die so etwas betreuen", sagt er. Daher beschränke sich sein Regionalverband derzeit darauf, einige überackerte Wegränder im Bremerhavener Umland als Blühstreifen zu pflegen. Dabei aber müsse es nicht bleiben, unterstreicht Quellmalz. Sollten engagierte Bremerhavenerinnen und Bremerhavener Lust verspüren, mit dem BUND in der Seestadt Blühwiesen anzulegen, wäre er sofort mit Freuden dabei.

Breite Streifen schützen vor Räubern

Zwei Hände öffnen eine gelbe pflanzliche Samenkapsel
Die Samen des Oelrettichs: Wertvolle Nahrung für das Niederwild. Bild: Radio Bremen | Alexander Schnackenburg

Müssen sich Naturfreunde in den Städten meist mit wenig Platz für ihre Blühstreifen begnügen, so sieht es in ländlichen Gegenden Bremens sowie im Bremer Umland anders aus. Hier lohne es sich, Blühfelder nicht allzu gestreckt, sondern möglichst breitflächig anzulegen, sagt Florian Scheiba vom Bremer Landesverband des Naturschutzbunds Deutschland (NABU). "Denn auf einer breiten Blühwiese können Raubtiere die Bodenbrüter nicht so leicht finden", erklärt er. Somit erhöhe sich die Chance, mit dem Blühfeld nicht nur für Insekten, sondern auch für seltene Vögel etwas zu tun.

So, wie es Jan-Gerd Bätjer in Arsten hält. Um die Fasane und Rebhühner auf seinen Blühfeldern zusätzlich zu unterstützten, sät er eine eigens auf Niederwild und Insekten abgestellte Wildacker-Saatmischung aus. Das Geheimnis liegt in der Vielfalt. "Einige der Planzen sammeln in ihren Wurzeln den Stickstoff aus der Luft." Hier seien etwa die Kleesorten zu nennen. "Andere haben eine Pfahlwurzel, lockern besonders den Unterboden und bringen Humus in den Boden", erklärt er. Alles in allem fänden sich auf seinem Blühfeld mindestens 14 Pflanzenarten.

Nahezu zu jeder Jahreszeit blühten jeweils andere Blüten, so dass es nie an Nahrung oder Versteckmöglichkeiten für Insekten mangele. Jene Samen, die etwa der Oelrettich hervorbringe, dienten im Winter vielen Tieren, wie Rebhühnern als Futter, also dann, wenn das Angebot eher knapp sei.

Paten für zweites Blühfeld gesucht

Biene auf Blüte
Freut sich der Kleeblüten: eine Wildbiene auf dem Arster Blühfeld, aufgenommen im September. Bild: Radio Bremen | Alexander Schnackenburg

Seit gut 20 Jahren bestellt Bätjer Blühfelder in Arsten. Sein derzeitiges Feld ist allerdings das erste, für das der Landwirt Paten mit ins Boot geholt hat. Die Idee dahinter: Wer etwas für den Naturschutz tun möchte, kann sich mit Beiträgen ab 50 Euro für zwei Jahre an den Kosten für ein Blühfeld beteiligen.

Diese Idee, die auch einige andere Höfe im Bremer Umland verfolgen, ist in Arsten auf großen Anklang gestoßen. "Wir finden es einfach unheimlich wichtig und auch sehr schön, etwas für die Natur tun zu können", sagt beispielhaft Renate Neumann-Breeger, eine von mittlerweile 26 Patinnen und Paten, die das Projekt unterstützen. Sie hofft, dass es noch mehr werden, am besten bis zum 1. Oktober.

Denn von der Zahl der Patinnen und Paten, die die Arster bis Oktober gewinnen, hängt ab, wie groß ein zweites Blühfeld ausfallen wird, dass Bätjer im März aussäen möchte. 3.000 weitere Quadratmeter hält er derzeit für realistisch. Langfristig allerdings kann er sich auch noch sehr viel größere Blühfelder auf seinem Grund vorstellen. An Platz mangelt es nicht: Bis zu 24 Hektar könnte Bätjer als Wildacker bestellen. Bremens Insekten hätten nichts dagegen.

Von Natur- bis Apotheker-Garten: So schön sind Bremens grüne Oasen

Video vom 9. Juli 2020
Bunte blühende Blumen. Im Hintergrund weitere grüne Pflanzen.
Bild: Radio Bremen

Autor

  • Alexander Schnackenburg Autor

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Nachmittag, 15. September 2020, 16:46 Uhr