Wie eine Blinde in Bremen Krebstumore ertastet

Sie ist sehbehindert, kann aber selbst kleinste Tumore in der weiblichen Brust ertasten – im Bremer St. Joseph Stift arbeitet die erste blinde "Tumorfrüherkennerin".

Eine Blinde Ärztin, ertasstet die brust einer Patientin nach Brustkrebs.

Weiße Hose, weißes Hemd und dunkel getönte Brille. So steht Jenny Bruns im Untersuchungszimmer der Radiologie. Ihre Hände sind warm und weich. Aber sie sind auch Tumordetektive. "Man sagt, dass wir ab 0,6 cm tasten können", sagt Bruns. Viele Ärzte – und das bestätigt auch Prof. Felix Diekmann, der Chefarzt der Radiologe – können das nicht. "Meiner Meinung nach ist es für einen Arzt quasi nie oder selten möglich, einen Tumor zu ertasten, der einigermaßen tief in der Brust ist und kleiner ist als einen Zentimeter", meint der Chefarzt. Aber je früher ein Tumor entdeckt wird, desto besser sind die Heilungschancen, sagt er. Und deshalb hat er Jenny Bruns ins St. Joseph Stift geholt. Hier arbeitet sie immer mittwochs, an den anderen Tagen tastet sie in Praxen in Aurich und Leer. Und zwar als medizinisch-taktile Untersucherin (MTU).

Bis vor fünf Jahren konnte die gelernte Kinderpflegerin noch ganz normal sehen. Dann kam die Diagnose Retinitis pigmentosa. Das ist eine Erbkrankheit, die ihr nach und nach das Augenlicht nimmt. Noch kann sie Umrisse erkennen, auch noch Gesichter. Aber alles ziemlich verschwommen, sagt sie. Und nachts im Dunkeln sehe sie fast nichts. Aber ihr Tastsinn – der ist unglaublich fein.

Wie funktioniert so eine Untersuchung?

Zuerst nimmt Jenny Bruns die Vorgeschichte der Patientin auf. Gab es bei ihr schon mal einen Knoten? War er gutartig oder bösartig? Dann tastet sie das Lymphgewebe ab. Bei der Brust achtet sie erstmal auf Temperaturunterschiede. "Bevor wir mit der Untersuchung anfangen, palpieren wir die Brust erstmal grob ab, und gucken somit, ob die eine Brust wärmer ist als die andere. Das ist für uns schon mal ein Indiz oder macht uns hellhörig. Genauso wie die Lymphknoten, die hängen ja auch mit der Brust zusammen", sagt Jenny Bruns.

Dann wird die Brust mit jeweils fünf Klebestreifen abgeklebt. Eine Art Koordinatensystem, das komplett blinden Untersuchern bei der Orientierung hilft. Es ist aber auch ein Vorteil für Ärzte, die auf diese Weise genau wissen, wo die Untersucher einen Knoten entdeckt haben. Und dann tastet sich Jenny Bruns mit zwei Fingern Zentimeter um Zentimeter von den oberen Schichten bis in die tiefen Schichten der Brust vor. Eine Untersuchung, die 30 bis 60 Minuten dauert.

Bei wem kann das Ertasten helfen?

Zunächst war die Untersuchung vor allem für Patientinnen gedacht, die bereits eine Krebsdiagnose bekommen haben und bei denen schon kleinste Knoten schnell entdeckt werden müssen, sagt Prof. Felix Diekmann. Aber wie sich herausgestellt habe, gebe es auch viele Frauen, die der Mammographie sehr skeptisch gegenüber stünden, die ihre Brust aber trotzdem intensiv untersuchen lassen wollen.

Die Tastuntersuchung soll eine Ultraschalluntersuchung nicht ersetzen, könne sie aber ergänzen, sagt Prof. Felix Diekmann. Viele gesetzlichen Krankenkassen bezahlen die Tastuntersuchung aber noch nicht.

  • Claudia Scholz

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 14. März 2019, 19:30 Uhr