IQB-Bildungstrend: Bremen im Ländervergleich erneut auf letztem Platz

  • 40 Prozent der getesteten Neuntklässler erreichen nicht den Mathe-Mindeststandard
  • Auch in den Naturwissenschaften sind Bremer Schüler unterdurchschnittlich
  • Lehrergewerkschaft GEW fordert mehr Investitionen in Bildung

Die Bildungssenatorin Claudia Bogendan im Interview.

Beim neuen IQB-Bildungsvergleich der Bundesländer haben die Bremer Schüler erneut schwach abgeschnitten. Bremen belegt in der Statistik den letzten Platz. In Mathematik erreichten nur 40 Prozent der getesteten Neuntklässler den Mindeststandard. Zum Vergleich: Im bundesdeutschen Mittelwert sind es knapp ein Viertel der Neuntklässler, die das nicht schaffen. In Biologie und Physik sind die Bremer Schüler insgesamt besser, lagen aber auch dort mit ihren Ergebnissen unter dem bundesweiten Durchschnitt. 

Diese Ergebnisse sind enttäuschend, aber auch leider nicht überraschend.

Portrait der lächelnden Claudia Bogedan
Claudia Bogedan (SPD), Bildungssenatorin

Mathematik- und Sprachprobleme hängen zusammen

Besonders in Mathematik haben die Bremer Schüler großen Nachholbedarf. "Wir wissen, dass ein Großteil der Schwächen in Mathe auch auf Schwächen mit der Sprache zurückzuführen ist", sagte Bremens Bildungssenatorin Claudia Bogedan (SPD). Der Anteil der Jugendlichen mit Migrationshintergrund zwischen 14 und 17 Jahren ist seit dem vorherigen Bildungsvergleich gestiegen. Es gebe immer mehr Schülerinnen und Schüler, deren Muttersprache nicht Deutsch sei.

Die Ergebnisse der Studie könne man jedoch nicht losgelöst von der Gesamtsituation in Bremen betrachten. Denn für den Erfolg in der Schule spielt der Familienhintergrund ebenfalls eine Rolle. In Bremen ist der Anteil von arbeitslosen Eltern, Eltern mit geringem Einkommen, und Eltern mit niedrigen Bildungsabschlüssen im Vergleich zu den anderen Bundesländern am höchsten, wie eine Auswertung ergeben hat.

Bremer Schüler belegten auch 2012 letzten Platz

Im Bremer Bildungsressort hatte man sogar mit einem Rückgang der Leistungen gerechnet. "Dass unsere Ergebnisse im Vergleich zu 2012 trotz immer schwieriger werdenden sozialen Bedingungen weitestgehend stabil sind, zeigt, dass wir zwar auf dem richtigen Weg sind, aber noch eine lange Strecke zu bewältigen ist", sagt Bildungssenatorin Claudia Bogedan (SPD).

Auch beim letzten Ländervergleich 2012 belegten die Bremer Schüler den letzten Platz. Zwischen April und Juni 2018 nahmen in Bremen mehr als 1.600 Schülerinnen und Schüler von 49 Schulen am Bildungstrend teil. Bundesweit waren es fast 45.000 Neuntklässler. Getestet wurden die Kenntnisse in den Fächern Mathematik, Physik, Biologie und Chemie. Auftraggeber der Studie sind die Kultusministerinnen und Kultusminister der Länder.

Elternbeiratssprecher: Mehr Geld für Lehrer in Problemstadtteilen

Wenig überrascht von den Ergebnissen der Studie zeigt sich der Landesvorstandssprecher der Lehrergewerkschaft GEW, Christian Gloede. Immer mehr Verantwortung auf immer weniger Personal zu schieben, sei keine politisch tragfähige Lösung. Es müssten kleinere Klassen, mehr Fachkräfte und neu definierte Arbeitszeiten für Beschäftigte an Schulen her.

Wir brauchen deutliche Investitionen in bessere Lernbedingungen – und das schon seit vielen Jahren. Seitenfüllende Debatten über GENO, Flughafen und Seute Deern verbessern nicht die Ausgangslagen unserer Kinder und Jugendlichen. 

Mann mit rotem Schal.
Christian Gloede, GEW Bremen

Martin Stoevesandt, Vorstandssprecher des Zentralelternbeirats in Bremen, nennt die mangelnden Mathematikkenntnisse der Bremer Neuntklässler eine Katastrophe. In bestimmten Stadtteilen würden dringend mehr Lehrer gebraucht. "Man müsste die verbeamteten Lehrer per Abordnung dahin verteilen, wo sie gebraucht werden."

Meiner Meinung nach müssten die Lehrer, die freiwillig nach Gröpelingen oder Oslebshausen gehen, mehr Geld bekommen.

Martin Stoevesandt, Zentralelternbeirat Bremen

Oppositionsparteien kritisieren Bildungspolitik

Die Oppositionsparteien in der Bremischen Bürgerschaft kritisierten aus Anlass der Studienergebnisse die Bildungspolitik der Regierung. Die bildungspolitische Sprecherin der FDP-Fraktion Bremen, Birgit Bergmann, nannte das schlechte Abschneiden eine Bankrotterklärung. "Wir fordern eine Trendwende in der Bremer Bildungspolitk, die sich auch im künftigen Haushalt widerspiegelt", sagte sie.

Die Grundfähigkeiten Lesen, Rechnen und Schreiben sind essenziell für die Ausbildungsfähigkeit von Jugendlichen. Die dort erzielten Versäumnisse müssen letztendlich die Unternehmen und Berufsschulen im Land korrigieren.

Birgit Bergmann
Birgit Bergmann, FDP-Fraktion

Bremens Abschneiden im Ländervergleich habe einen weiteren traurigen Tiefpunkt erreicht, findet die bildungspolitische Sprecherin der CDU-Bürgerschaftsfraktion, Yvonne Averwerser. Meldungen über mangelnde Ausbildungs- und Studierfähigkeit von Bremer Schulabsolventinnen und -absolventen müssten ernst genommen werden.

Wer in Bremen zur Schule geht, hat schlechtere Startvoraussetzungen – dieser Fakt ist unabweisbar.

Yvonne Averwerser, CDU-Fraktion

Regierungsparteien: Qualität der Bildung weiter stärken

Sofia Leonidakis, Fraktionsvorsitzende der Linken in der Bürgerschaft, kündigte an, Schulen in Stadtteilen mit großen sozialen Herausforderungen besonders zu stärken, wie im Koalitionsvertrag vereinbart.

Mir bereitet große Sorge, dass es nach wie vor in Bremen wenig gelingt, Kinder aus armen Elternhäusern zum Schulerfolg zu verhelfen.

Sofia Leonidakis, Linken-Fraktion

Der bildungspolitische Sprecher der SPD-Bürgerschaftsfraktion, Mustafa Güngör, sagte, es brauche Zeit, bis die Maßnahmen für mehr Bildungserfolg Wirkung zeigen.

Wir haben gemeinsam mit der Opposition das Institut für Qualitätsentwicklung im Land Bremen (IQHB) auf den Weg gebracht. Mit diesem Institut wollen wir genauere Daten erheben, Leistungsunterschiede erkennen und basierend darauf gemeinsam mit den Schulen die weitere Qualitätsverbesserung angehen.

Mustafa Güngör
Mustafa Güngör, SPD-Fraktion

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Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Nachrichten, 18. Oktober 2019, 11 Uhr