Infografik

Trotz Besuchserlaubnis: Viele Bremer Pflegeheime brauchen noch Zeit

Theoretisch sind in Bremer Pflegeheimen wieder Besuche erlaubt, in der Praxis sieht das anders aus. Viele Betreiber arbeiten noch an der Umsetzung der Vorschriften.

Eine Person, die sich durch eine Scheibe hindurch mit Personen in einem Pflegeheim unterhält.
Manch ein Betreiber von Pflegeheimen in Bremen plant, die Besuche nur durch ein Plexiglas zu ermöglichen. (Symbolbild)

Der Augenblick, auf den viele Angehörige und Bewohner gewartet haben, ist einen Schritt näher gerückt. Das Besuchsverbot in Bremer Pflegeheimen ist diese Woche gelockert worden. Doch nicht alle Heime werden sofort wieder öffnen können. Bis zum 25. Mai haben die Einrichtungen Zeit, um ein Hygiene-Konzept vorzulegen.

Denn um Besuche zu ermöglichen, müssen die Heime gewisse Auflagen erfüllen. Abstand zwischen Besuchern und Bewohnern, einzelne Treffen, Hygieneregeln, Mundschutz. Selbst das gemeinsame Essen ist nicht erlaubt. Damit soll laut Behörden das Risiko einer möglichen Ansteckung mit dem Coronavirus für Besucher und Bewohner gesenkt werden.

Hier können Sie sich externe Inhalte (Text, Bild, Video…) von Datawrapper anzeigen lassen

Stimmen Sie zu, stellt Ihr Browser eine Verbindung mit dem Anbieter her.
Mehr Infos zum Thema Datenschutz.

AWO Bremen hält Öffnung vor dem 25. Mai für schwierig

Mehrere Betreiber haben bereits bekanntgegeben, dass sie einige Tage brauchen werden, um ein coronafestes Konzept zu erarbeiten und die Voraussetzungen zu erfüllen. So zum Beispiel die Arbeiterwohlfahrt (AWO) Bremen. "Momentan arbeiten wir unter Hochdruck daran, ein verantwortungsvolles Konzept zur Besuchsöffnung zu erarbeiten, das für jede Einrichtung angepasst werden muss", sagt dazu die Sprecherin, Anke Wiebersiek. Doch eine Öffnung sei in ihren Einrichtungen mit hoher Wahrscheinlichkeit vor dem 25. Mai nicht möglich.

Unsere Bewohnerinnen und Bewohner zählen ohne Zweifel zur am stärksten gefährdeten Gruppe der Bevölkerung. Wenn nun wieder Kontakte zugelassen werden, dann muss das erstens sehr vorsichtig und zweitens unter strengen Hygienerichtlinien geschehen.“

Anke Wiebersiek, Sprecherin der AWO Bremen

Wiebersiek hat dennoch Verständnis für den Wunsch vieler Bewohner, ihre Familienmitglieder wiederzusehen. "Sicherlich ist die Situation mit dem Besuchsverbot für die Bewohnerinnen und Bewohner in den letzten Wochen sehr schwer gewesen. Viele leiden trotz kreativer Lösungen zur Aufrechterhaltung der Kontakte mit den Angehörigen unter der Trennung", fügt sie hinzu.

Innere Mission hatte schon einen Besuchsplatz mit Plexiglas vorbereitet

Ein Tisch und ein Stuhl stehen vor einem Plexiglas.
Ein Tisch, ein Stuhl und dazwischen Plexiglas: So sieht bereits der Besucherplatz im Pflegeheim der Inneren Mission aus. Bild: Innere Mission Bremen

Um die Senioren vor Einsamkeit zu bewahren und ihre Angehörigen zu beruhigen, sind einige Betreiber schon während der akuten Krise kreative Umwege gegangen. Die Innere Mission in Bremen hat beispielsweise einen Besuchsplatz vor dem Heim eingerichtet, damit die Familienmitglieder sich durch eine Plexiglasscheibe begrüßen und miteinander kommunizieren können.

Im Altenpflegeheim Kirchweg haben wir einen Besuchsplatz eingerichtet, bei dem Angehörige und Bewohnerinnen sowie Bewohner sich von Angesicht zu Angesicht bei Einhaltung von Abstandsregeln und anderen Schutzmaßnahmen begegnen und unterhalten können. Dieser Besuchsplatz wird sehr rege genutzt.

Anke Mirsch, Sprecherin der Inneren Mission in Bremen

Der Verein macht sich allerdings Sorgen, dass die allgemeinen Lockerungen der Maßnahmen zu einer neuen Infektionswelle führen könnten. Zusammen mit der Lockerung des Besuchsverbots könnte dies ein großes Risiko für die Bewohner darstellen, wie Mirsch erzählt. "Im Vordergrund unseres Handelns steht das Bestreben, alle Bewohnerinnen und Bewohner sowie alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Einrichtung gesundheitlich unbeschadet durch die Corona-Pandemie zu führen. Auf dieser Grundlage entwickeln wir derzeit nach bestem Wissen und Gewissen ein Besucherkonzept."

Einige stehen den Lockerungen skeptisch gegenüber

Die Landesarbeitsgemeinschaft der bremischen Wohlfahrtsverbände hatte sich nach der Ankündigung der Bremer Behörden skeptisch gezeigt. Man sei über das Infektionsrisiko besorgt, sagte der Vorstandssprecher, Arnold Knigge. Doch einige Betreiber begrüßen die Lockerung. Der Vorstand der Bremer Heimstiftung, André Vater, sagt: "Ich finde es wichtig, dass das Besuchsverbot jetzt, nach neun Wochen, aufgehoben wird." Es sei eine lange Zeit gewesen, die man aber gebraucht habe, um das nötige Wissen zu sammeln.

Es ist eine Gratwanderung, weil die Bewohner zur Hochrisikogruppe gehören. Gleichzeitig sind sie aber auch auf soziale Kontakte angewiesen. Deshalb ist es richtig, dass man jetzt das Verbot aufgehoben hat. Und dass es aber auch Regeln gibt, wie man sich verhalten sollte.

André Vater, Vorstandvorsitzender der Heimstiftung Bremen

Die Häuser der Heimstiftung sollen ab dem 18. Mai wieder öffnen können. "Die Bewohner werden gerade entsprechend informiert", sagt Vater. Zum Konzept gehört, dass die Besucher im Vorfeld einen Termin vereinbaren müssen und sie vor dem Treffen eine Anweisung in die Hygiene-Vorschriften bekommen. Mundschutz ist für den Besucher Pflicht, eventuell soll der Bewohner auch einen tragen. In jedem Haus wird ein Raum zur Verfügung gestellt – vielleicht die Bibliothek oder der Tagesaufenthaltsraum. Ein oder zwei Tische, die dann desinfiziert werden, sollen den richtigen Abstand zwischen Besucher und Bewohner zeigen.

In dem Raum werden die Menschen alleine sein. Auf die Frage, wie das Personal dann sicherstellen kann, dass sich die Familienmitglieder nicht zu nahekommen, antwortet Vater: "Das kontrollieren wir nicht, weil die Besucher – und größtenteils die Bewohner – mündige Bürger sind. Sie wissen, was für sie gut oder schlecht ist. Wir sind bei der Kontaktaufnahme dabei und geben ihnen das nötige Wissen an die Hand."

Freude und Sorgen bei mehreren Betreibern

Gemischte Gefühle zeigt auch der Betreiber der "Specht-Gruppe". "Für unsere Bewohnerinnen und Bewohner ist das natürlich gut und die Öffnung muss jetzt auch sein. Auf der anderen Seite haben wir aber auch die Sorge, dass sich die Angehörigen nicht an unsere Anordnungen halten", teilt die Sprecherin, Frauke Meyenberg, auf Nachfrage mit.

Die Specht-Gruppe will seine Residenz in Bremen ab Dienstag öffnen. Die Begegnungen sollen im Restaurant stattfinden, die Besucher werden durch die Terrassentür reingelassen. Besucher und Bewohner sollen an zwei Tischen sitzen, die durch Plexiglas getrennt sein werden. Die Angehörigen müssen die Belehrung über Hygiene-Maßnahmen unterschreiben und bestätigen, dass sie symptomfrei sind.

So wie bei der Specht-Gruppe herrschen auch bei der Stiftung Friedehorst Sorgen und Freude. "Wir freuen uns für die Bewohnerinnen und Bewohner sowie ihre Angehörigen, dass es nunmehr in kleinen Schritten wieder in Richtung Normalität geht", sagt die Sprecherin, Gabriele Nottelmann. Gleichzeitig hoffe man, dass sich die Besucher an die Regeln halten können. Vor dem 25. Mai wird der Besuch jedoch noch nicht möglich sein.

Wir sind dabei, die notwendigen Schutzmaterialien für die Besucher zu beschaffen und unsere Schichtpläne umzustellen. Da die Besuche begleitet werden, brauchen wir das entsprechende Personal dafür. Der "Run" auf die Besuchstermine wird voraussichtlich an den Wochenenden sein – einer Zeit, in der unsere Präsenzkräfte normalerweise nicht im Dienst wären.

Gabriele Nottelmann, Sprecherin der Stiftung Friedehorst

Das überregional tätige Unternehmen Convivo macht zudem auf eine weitere Schwierigkeit aufmerksam: Betreiber mit Pflegeheimen in mehreren Bundesländern müssen sich oft nach verschiedenen Verordnungen richten. Das erschwere die Lage zusätzlich.

Mit den Lockerungen wird das Thema leider nicht einfacher. Als überregionale Betreiber stehen wir vor einem Flickenteppich an kommunalen Verordnungen und Beschlüssen, die für alle Einrichtungen individuell umzusetzen sind.

Daniel Koch, Unternehmensentwicklung der Convivo-Unternehmensgruppe

Niedersachsen will künftig Recht auf Besuch einräumen

Wie sieht die Lage im Bremer Umland aus? In Niedersachsen dürfen Alten- und Pflegeheime bereits seit dem 17. April Besuche zulassen – allerdings nur mit einem passenden Hygienekonzept. Doch der niedersächsische Krisenstab beklagte vor einer Woche, dass nur wenige Einrichtungen ein solches Konzept vorgelegt hätten. Die Heimbetreiber wären noch verunsichert und hätten Angst, dass sich die Bewohner anstecken könnten. Auf Nachfrage erklärte eine Sprecherin des niedersächsischen Sozialministeriums, die Lage habe sich im Prinzip nicht geändert. Deshalb plane das Ressort jetzt, den Bewohnern ein Recht auf Besuch einzuräumen. Damit müssten dann alle niedersächsischen Pflegeheime ein Hygienekonzept vorlegen.

Besuchsverbot in Alten- und Pflegeheimen soll gelockert werden

Video vom 4. Mai 2020
Eine Person, die sich durch eine Scheibe hindurch mit Personen in einem Pflegeheim unterhält.

Mehr zum Thema:

Autorin

  • Serena Bilanceri

Dieses Thema im Programm: Bremen Vier, Vier News, 13. Mai 2020, 6 Uhr