Uralte Gesetze: Als Bremen ein Stück Geschichte wiedergefunden hat

Vor fünf Jahren tauchte eine uralte Gesetzesrolle wieder auf, die lange verschollen war. Die sogenannte "Kundige Rolle" bekam ihren großen Auftritt im Rathaus.

Beschriebenes Pergament der sogenannten Kundige Rolle
Das aus dem Mittelalter stammende Dokument ist erst 2014 aus den USA zurückgekehrt. Bild: DPA | Carmen Jaspersen
Schriftrolle aus Pergament

Sie ist wieder da. Und mit was für einem Auftritt: Bei ihrem ersten Pressetermin am 26. Mai 2014 liegt die "Kundige Rolle" auf einem langen Tisch im Bremer Rathaus. Unter ihr ein roter Teppich, um sie herum Blitzlicht, Kameras und Reporter.

Die Rolle ist gut sieben Meter lang und 15 Zentimeter breit. Auf dem gelben, abgegriffenen Pergament ranken sich Buchstaben aus schwarzer Tinte, Gesetzestexte aus Bremens Mittelalter. Für ihr Alter hat sich die Rolle aber gut gehalten: Mehr als 500 Jahre hat sie hinter sich, 70 davon war sie verschollen. Dass die "Kundige Rolle" wieder auftauchte, ist ein glücklicher Zufall, den sich Konrad Elmshäuser, Leiter des Bremer Staatsarchivs, nicht hätte träumen lassen.

Ich wollte es erst kaum glauben. Vor allen Dingen gab es niemanden mehr, der wusste, wie sie aussah. Sie ist schon so lange weg und wurde nie fotografiert.

Konrad Elmshäuser, Leiter des Bremer Staatsarchivs

Die "Kundige Rolle" war so lange weg, dass selbst die Bremer sie vergessen hatten. Dabei war sie früher Kult. Seit 1489 hielt der Bremer Rat alle Gesetze auf besagter Pergamentrolle fest. Einmal im Jahr las der Bürgermeister die immer länger werdende Rolle vor – quasi als Gedächtnisstütze für die Bürger. Dazu versammelten sich die Bremer vor dem Rathaus, denn selber lesen konnten damals die wenigsten. Heute würde selbst Vorlesen kaum helfen: Denn die Schrift ist in Mittelniederdeutsch verfasst.

Dar en schall nemande sammelinghe maken tiegen den raedt den raedt tho vordrucken; wurde dat opembar, sin lyff unde gudt schall staen in des rades handt.

Zitat aus der "Kundigen Rolle"

Das war der erste von insgesamt 225 Artikeln. Er verbot es, gegen den Rat zu demonstrieren. Spottlieder sollte man sich auch verkneifen, stand in Artikel vier. Meinungsfreiheit? Fehlanzeige! Immerhin gab es so etwas wie Verbraucherschutz. Fische wie Aale und Lachse durften nur frühmorgens verkauft werden, danach mussten die Händler sie entsorgen. Und, liebe Bremer, den Schweinemist bitte nicht am Marktplatz abladen!

Bis 1756 las der Bürgermeister die "Kundige Rolle" jährlich vor – auch, als der Text längst überholt war. Mit der Zeit sei die Tradition zu einer Spaßveranstaltung verkommen, erklärt Staatsarchiv-Leiter Konrad Elmshäuser. Die Leute hätten sich zum Schluss dann auch so benommen: "Es wurde getrunken und gegrölt. Die Ratsherren fühlten sich pikiert und nicht ernst genommen, und haben es dann auch eingestellt."

Die "Kundige Rolle" wanderte schließlich ins Archiv. Im Zweiten Weltkrieg kam sie nach Sachsen-Anhalt in ein Bergwerk, zum Schutz vor den Bomben. Doch danach verliert sich ihre Spur. Sie blieb verschollen – bis das Bremer Staatsarchiv im Mai 2014 einen Anruf bekam: Bei einer Kunsthändlerin in Kalifornien (USA) sei eine alte Pergamentrolle aufgetaucht. Und es stellte sich heraus, dass es wirklich die "Kundige Rolle" ist. Was sie in der Zwischenzeit erlebt hat, bleibt aber ihr Geheimnis.

Rückkehr 2014 mit Empfang im Rathaus

Schriftrolle aus Pergament
  • Rebekka Wiese

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Die Chronik, 26. Mai 2019, 7:50 Uhr