Interview

Aufgebessertes Mathe-Abi in Bremen: "Eine sehr hilflose Geste"

Alle Ungerechtigkeiten kommen laut Bildungsforscher Hurrelmann in der Corona-Krise besonders zum Vorschein. Das Projekt "einheitliche Prüfungen" hält er für gescheitert.

Schüler lesen in der Sporthalle ihres Gymnasiums die Aufgabenstellung ihrer Abiturklausur.
Bremen hat entschieden, dass die Noten im Mathe-Abitur wegen der Corona-Krise um zwei Punkte angehoben werden. Bildungsforscher Klaus Hurrelmann hält nichts davon. (Symbolbild) Bild: DPA | Tobias Kleinschmidt
Sachsen hat die Abiturnoten angehoben, Bremen ist gefolgt: Was ist hier eigentlich los?
Unter den sehr unübersichtlichen und erschwerten Prüfungsbedingungen während der Corona-Zeit sind erhebliche Ungerechtigkeiten entstanden. Es ist keinem entgangen, dass viele Schüler sich nicht vorbereiten konnten. An vielen Schulen war Fernunterricht gar nicht richtig möglich. Und dann so eine Abiturprüfung, die letztlich ja eine Rechtsverbindlichkeit darstellt. Da merken alle, wie wackelig dieses Konstrukt ist und wie ungleich die Benotungen sind. Und diese Noten-Aufbesserung, die ist nun eine Geste an die Schülerinnen und Schüler. 'Wir haben gesehen, dass ihr euch schwertut. Aus diesem Grunde schenken wir euch ein oder zwei Punkte hinter dem Komma.' Also letztlich eine sehr hilflose Geste, die mit Sicherheit noch zu erheblichen Diskussionen führen wird.
Bremen weist dem Institut zur Qualität im Bildungswesen (IQB) Verantwortung für die schlechten Noten zu: Die Aufgaben seien zu schwer gewesen. Andere sagen: Bremen will sich nur rausreden, das Abitur fällt dort immer zu schlecht aus. Wie schätzen Sie das ein?
Eine solche pauschale Noten-Verbesserung wie jetzt in Bremen schafft erneut riesige Unterschiedlichkeiten. Von der wird jemand, der wirklich intensiv gearbeitet hat, genauso betroffen sein wie jemand, der das nicht hat. Solche pauschalen Sachen zerstören die Idee, dass das Abitur Ausdruck dessen ist, was man tatsächlich in der Schullaufbahn geschafft hat. Und dann kommen wir noch in eine zweite Kategorie hinein: Einige Bundesländer, dazu gehörte auch immer schon Bremen, benoten schon immer anders – und meist günstiger – als andere. Und wenn jetzt nur einzelne Bundesländer solche Korrekturen vornehmen, dann gibt es natürlich auch zwischen den Bundesländern erheblich stärkere Abweichungen, als wir sie vorher schon hatten.

Die Art und Weise, wie wir das Abitur gestalten, muss dringend reformiert werden. Das ist überhaupt nicht mehr haltbar: Es ist ungleich, es ist ungerecht und unfair. Und es verschafft einen Rechtsanspruch auf ein Studium im ganzen Bundesgebiet. Damit man einen solchen Anspruch rechtfertigen kann, müssten die Regeln in den Bundesländern eigentlich vollkommen identisch sein.

Klaus Hurrelmann
Bremen will in die entgegengesetzte Richtung gehen und mehr eigene Aufgaben stellen. Führt das wieder zurück zu völlig unterschiedlichen Prüfungen?
Ja natürlich. Es war in den letzten fünf Jahren das Ziel, einheitlichere Listen und Kataloge von Prüfungsfragen einzurichten. Genau aus dem Grund, dass alle gemerkt haben, dass aus dem Abitur in den verschiedenen Bundesländern höchst unterschiedliche Regeln, Anforderungen, Leistungsprofile und auch unterschiedliche Aufgaben hervorgegangen sind. Wenn jetzt Bremen anfängt – und da kommen sicherlich einige Bundesländer hinterher – wieder eigene Kategorien und Profile in die Prüfungen einzugeben, dann sinkt natürlich die ohnehin schon sehr brüchige Vergleichbarkeit der Abiturnoten. Das ist eine höchstproblematische Entwicklung und ich glaube nicht, dass das insgesamt politisch Bestand haben wird.
Was wären die größten Probleme, wenn die Prüfungen nicht vergleichbar sind?
Als erstes werden viele Eltern klagen, gerade bei begehrten Studienplätzen mit Numerus Clausus, zum Beispiel Medizin. Hier sind hier und da schon kleine Korrekturfaktoren eingebaut, weil man weiß, dass die Bundesländer unterschiedlich benoten. Aber am Ende haben die, die aus einem Bundesland kommen, in dem sehr freundlich und viel mit 1,0 bewertet wird, einfach bessere Karten als alle Anderen.

Außerdem halte ich es für die völlig falsche Richtung, die Prüfungen strategisch so auszuwählen, dass man einen möglichst guten Abschluss hinkriegt. Viel sinnvoller wäre es, wenn in der gymnasialen Oberstufe die Schülerinnen und Schüler die Fächer wählen, die ihnen inhaltlich sinnvoll erscheinen und die ihren Interessen und Neigungen entsprechen – und nicht Fächer auswählen, bei denen sie wissen: Da habe ich die Chance, eine gute Note zu bekommen, auch wenn das Fach selbst mir überhaupt gar nicht gefällt. Solche Wahlen sind sehr verbreitet, weil man eben eine möglichst gute Note haben will, um im Wettbewerb um Studienplätze gut dazustehen. Und nun kommt in der Corona-Krise zum Vorschein, wo es überall klemmt und wie ungerecht das ist.
Wird das Problem im nächsten Jahr noch größer? Schließlich fehlen den Schülern durch Corona in diesem Halbjahr große Teile des Unterrichts.
Das kann passieren. Das hängt davon ab, ob eine einigermaßen normale Schularbeit nach der Sommerpause möglich werden wird. Das kann man noch nicht ganz genau sagen, aber aller Wahrscheinlichkeit wird das nicht der Fall sein: Aus Hygieneregeln wird der Unterricht nicht im normalen Klassenverband gefahren werden können. Außerdem wird der Fernunterricht an Bedeutung gewinnen. Und da haben wir den nächsten Punkt: Zwischen den Schulen und den Bundesländern werden riesige Unterschiede bestehen. Nur ein kleiner Teil der Schulen hat bisher die neue Kombination aus Präsenzunterricht und Fernunterricht überhaupt einigermaßen in den Griff bekommen. Hier sind die Bildungsungerechtigkeiten und -ungleichheiten sehr deutlich geworden. Und wir müssen jetzt befürchten, dass gleich zu Beginn des Schuljahres solche Unterschiede entstehen.
Wenn es eh wegen Corona noch mehr Unterschiede gibt: Kann es dann nicht sogar sinnvoller sein, je nach Bundesland verschiedene Prüfungen zu haben?
Das wäre eine der Notlösungen, dass man sagt: Wir machen gar keine zentralen Prüfungen mehr sondern überlassen das den Ländern oder den einzelnen Schulen. Aber dann passiert genau das, was heute schon so ist: Es ist keine Vergleichbarkeit der Abschlüsse mehr gegeben. Und solange ein Abitur bei uns bedeutet, dass ich mit dem Zeugnis einen Rechtsanspruch auf einen Studienplatz habe, ist das nicht mehr haltbar.
Also kann man sagen, dass das Projekt "Einheitliche Prüfungen" gescheitert ist?
Das kann man ganz klar so sagen, ja.
Ganz konkret: Wie sollten die Abiturprüfungen denn aussehen?
Entweder, die 16 Länder einigen sich darauf, ein Zentralabitur mit wirklich einheitlichen Kriterien zu machen. Dann kann man auch bei dem Rechtsanspruch auf einen Studienplatz bleiben. Oder – und das würde ich bevorzugen – die Schulen bekommen mehr Freiheiten, ihre Oberstufe zu gestalten. Sie könnten stärker Profile entwickeln und dann einen Abschluss vergeben, der den Schüler oder die Schülerin sehr gut abbildet. Aber dann ist das Abi nicht mehr vergleichbar – und soll es auch gar nicht sein. Sondern dann ist es eine Voraussetzung, dass ich mich bewerben kann, und ich mach zusätzlich noch eine Eignungsprüfung der Hochschule. Dann hat das alles wieder Hand und Fuß. Und die zweite Möglichkeit ist meiner Meinung nach auch realistischer in einem föderalen Staat.

Schulunterricht auch in den Ferien geplant

Video vom 11. Juni 2020
Eine junge Frau steht vor einer Tafel und schaut sie an.
Bild: Radio Bremen

Autorin

  • Rebecca Küsters

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 29. Juni 2020, 19:30 Uhr