Angehörige umgehen offenbar Besuchsverbot: Heimleiter ratlos

In Pflegeheimen gilt derzeit Besuchsverbot. Doch manche Angehörige lassen sich aus Sorge nicht abschrecken. Ein Bremer Physiotherapeut reagiert mit einer konsequenten Entscheidung.

Aushang an einer Tür eines Altenheims:Aushang mit der Aufschrift: Stop - Besuchs- und Betretungsverbot! (Symbolbild)
Bereits im März ist ein Besuchsverbot für Pflegeeinrichtungen im Land Bremen ausgesprochen worden. Bild: DPA | Oliver Zimmermann/foto2press

Sich um die eigene Familie zu kümmern, ist für viele ein Grundbedürfnis – doch manchmal kann die Liebe gefährlich werden. Ältere Menschen gehören zu den vom Coronavirus meistgefährdeten Gruppen. Deshalb herrscht ein Besuchsverbot in Bremer Senioren- und Pflegeheimen. Für einige Angehörige ist die Sorge um ihre Liebsten jedoch offenbar zu groß: Sie sollen trotz wiederholter Appelle weiterhin versuchen, das Verbot zu umgehen, indem sie sich mit den Senioren außerhalb der Einrichtungen treffen. Das berichten Fachkräfte und Heimleiter eines Pflegeheims in Woltmershausen.

Zwar soll es sich in diesem Fall nur um einen kleinen Teil der 135 Bewohner handeln – doch ein einziger Infizierter kann unwissentlich mehrere Menschen anstecken, wie die Beschäftigten betonen. Erst kürzlich ist bekannt geworden, dass 15 Menschen in einem weiteren Bremer Heim positiv getestet wurden.

Heimleiter und Fachkräfte machen sich Sorgen

Der Leiter der Woltmershausener Einrichtung äußert sich besorgt. "Ich kann das von den Angehörigen nachvollziehen, aber man muss in so einer Situation das Gesamtbild sehen: Das ist sowohl für die anderen Bewohner als auch für die Mitarbeiter gefährlich." Ähnlich drückt sich der Physiotherapeut Horst Kempe aus. Er und seine Ehefrau haben einen offenen Brief verfasst und die Situation angeprangert. Denn sie haben ebenfalls Patienten in der Einrichtung.

Darüber sind wir erstaunt und enttäuscht, muss doch jedem klar sein, was es bedeutet, wenn das Virus in das Heim getragen wird: Zunächst wird es die alten und besonders gefährdeten Menschen treffen. Dann werden auch Mitarbeiter*Innen des Hauses oder auch Fachkräfte von außen (...) betroffen sein.

Auszug aus dem offenen Brief von Inse H. Kempe und Team

Den Wunsch, die eigenen Familienmitglieder zu besuchen, könnten sie wohl verstehen. Allerdings sei dies in der aktuellen Lage leichtsinnig, fügt Horst Kempe hinzu. Deshalb haben die Physiotherapeuten eine drastische Lösung getroffen: Sie werden Patienten, die weiterhin Besuch bekommen, nicht mehr behandeln. "Das machen wir nicht gern, aber was bleibt uns sonst übrig?", fragt er. Rechtlich gesehen dürfe man das tun, wenn die eigene Sicherheit und die der Patienten gefährdet sei, meint er.

Rechtliche Lage lässt Auswege offen

Für den Heimleiter ist die Lage ebenfalls kompliziert. "Ich darf den Bewohnern nicht verbieten, das Haus zu verlassen – es gibt keine Ausgangssperre", sagt er mit einer gewissen Ratlosigkeit.

Ich persönlich hätte das verboten, aber es ist eine schwierige Situation. Es ist schwer, es geht um die Grundrechte der Einwohner.

Thomas Gerbert-Jansen, Pflegeheimleiter

In einem Fall sei sogar ein Anwalt hinzugezogen worden. Bei besonders schwierigen Lagen, wie beispielsweise sterbenden Menschen, würden Besuche weiterhin gestattet, aber darum sei es in den vier Fällen nicht gegangen. Gerbert-Jansen sieht als einzige Lösung eine klare Aussage der zuständigen Behörden, dass die Senioren die Einrichtung nicht verlassen können. Rechtlich gesehen sei dies jedoch nicht einfach.

Gesundheitsressort: pauschale Quarantäne schwer umzusetzen

Das weiß das Bremer Gesundheitsressort: Bereits Anfang der Woche hatte sich die öffentliche Diskussion über eine eventuelle Quarantäne aller Pflegeheime entfacht. Doch eine pauschale Quarantäne für alle Einrichtungen im Land Bremen sei in der aktuellen Situation keine konkrete Maßnahme, teilt der Sprecher der Gesundheitssenatorin, Claudia Bernhard (Linke), mit.

Eine vermeintliche Lösung würde in einer vollständigen Quarantäne aller Einrichtungen liegen. Eine solche Quarantäne hätte jedoch schwerwiegende Folgen für die Bewohner*innen: Gerade an Demenz erkrankte Personen verstehen eine solche Maßnahme nicht oder nur schwer, die Durchsetzung ginge nur über das tatsächliche Abschließen der Einrichtungen und einer damit einhergehenden Beraubung der Möglichkeit, sich zu bewegen.

Lukas Fuhrmann, Sprecher Gesundheitsressort

Wie viele Menschen in Bremen tatsächlich versuchen, das Besuchsverbot zu umgehen, ist schwer zu sagen. Eine solche Situation sei nicht meldepflichtig, daher liege den Behörden "keine konkrete Größenordnung über solche Ereignisse" vor, wie der Sprecher weiter ausführt. Allerdings seien solche Versuche bekannt. Sozialsenatorin Anja Stahmann (Grüne) hatte bereits am Montag öffentlich auf das Problem hingewiesen und für ein vernünftiges Verhalten plädiert. Ob sich die Angehörigen in Zukunft an das Verbot strikter halten werden, bleibt allerdings noch offen.

Wie geht´s weiter mit den Corona-Kontaktbeschränkungen?

Video vom 1. April 2020
Bremens Bürgermeister Andreas Bovenschulte im Studio von buten un binnen.

Mehr zum Thema:

Autorin

  • Serena Bilanceri

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 3. April 2020, 23:30 Uhr