Interview

Wie die Corona-Isolierstation in Bremen-Mitte mit der Pandemie wächst

Erst waren es nur ein paar Betten. Jetzt, vier Wochen später, umfasst die Isolierstation des Klinikums Bremen-Mitte 18 Zimmer – und wächst weiter. Die leitende Ärztin berichtet.

Isolierstation für Coronavirus-Patienten
Auf Isolierstationen werden Corona-Patienten versorgt. (Symbolbild) Bild: DPA | Jens Büttner
Frau Piepel, als Sie die Isolierstation am 27. Februar aufbauten, war die Corona-Pandemie aus Bremer Sicht noch ein Problem anderer. Das öffentliche Leben ging seinen gewohnten Gang. Kamen Sie sich nicht komisch vor?
Tatsächlich hatten wir die Station einen Tag, bevor die erste Patientin zu uns gekommen ist, fertig eingerichtet. Denn wir hatten den Nachrichten entnommen, dass erste Coronafälle in Deutschland aufgetreten sind, so dass wir auch für Bremen mit den ersten Infizierten rechnen mussten. Also haben wir ein paar Betten und Räume vorbereitet, haben aber noch kein Personal abgestellt. Nur so etwas wie einen Rufdienst für den Fall, dass es so weit wäre. Dass das dann aber so schnell gehen würde, hatten wir zugegebenermaßen nicht erwartet.
Portrait von Oberärztin Christiane Piepel, Leiterin der Isolierstation am Klinikum Bremen-Mitte
Oberärztin Christiane Piepel leitet die Isolierstation für Corona-Patienten am Klinikum Bremen-Mitte. Bild: Geno
Woher hatten Sie so kurzfristig den Platz für eine Isolierstation?
Die Station befindet sich im alten chirurgischen Gebäude. Wir haben ja das Glück, dass unser Neubau schon eingerichtet ist und die alte Chirurgie fast leer steht. Daher mangelt es uns nicht an Platz. Wir haben letztlich einfach eine alte Station wieder aufgemacht.
Und dann kam schon die erste Patientin. Jetzt waren wir froh, dass wir gerade rechtzeitig alles vorbereitet hatten. Wir waren guter Dinge. Keiner hatte mehr das Gefühl, dass wir irgendetwas übereilt unternommen hätten. Rückblickend glaube ich: Es hat uns auch sehr geholfen, dass es unserer ersten Patientin relativ gut ging, sie war zwar infiziert, aber nicht kritisch krank. Wenn wir gleich den ersten Todesfall gehabt hätten, dann wäre sicherlich auch unserer Stimmung sofort eine ganz andere gewesen.
Wie geht es der Patientin jetzt?
Wir haben sie inzwischen entlassen. Sie ist genesen und hoffentlich fröhlich zuhause.
Und wie hat sich die Lage auf der Station seither entwickelt?
Es kommen immer mehr Menschen mit Verdacht auf eine Corona-Infektion zu uns und auch immer mehr, die tatsächlich infiziert sind. Sie kommen teilweise direkt zu uns und zum Teil aus der Notaufnahme.
Wie viele Menschen liegen derzeit auf der Isolierstation?
Das schwankt extrem, weil wir jeden Tag neue Menschen aufnehmen, bei denen zunächst lediglich der Verdacht auf eine Infektion besteht. Wir screenen diese Verdachtsfälle sehr großzügig, weil wir verhindern wollen, dass wir Corona-Fälle unter den normalen Patienten im Krankenhaus haben und es sich unkontrolliert ausbreitet. Das heißt: Alle Patienten, die zu uns kommen mit Beschwerden, die irgendwie auf Corona hindeuten könnten, werden untersucht, werden entsprechend der Kriterien des Robert Koch-Instituts abgestrichen und kommen auf die Isolierstation, bis wir die Ergebnisse der Abstriche haben. Entsprechend gehen bei uns viele Patienten ein und aus.
Wie viele Patienten müssen wegen Corona bei Ihnen bleiben?
Das sind noch ganz wenige. Es muss auch nicht jeder, der mit dem Virus infiziert ist, unbedingt bleiben. Im Gegenteil: Es werden nur diejenigen stationär im Krankenhaus behandelt, denen es schlecht geht, die schwer krank sind. Die leichteren Fälle werden von uns in Absprache mit dem Gesundheitsamt entlassen. Sie kommen in häusliche Quarantäne.
Nach welchen Kriterien entscheiden Sie, wer nach Hause kann, und wer bei Ihnen bleibt?
Wir schauen ganz genau hin, der Patient beurteilt die Situation, und das Gesundheitsamt prüft mit: Wie sind die Verhältnisse zuhause? Wohnt der Betreffende alleine? Wir entlassen leichter jemanden, der fit ist und ein intaktes soziales Netzwerk um sich herum hat, das ihn versorgt.
Und welches sind Ihre medizinischen Kriterien?
Menschen, die besonders krank sind, haben verschiedene Beschwerden durch die Corona-Infektion. Es gibt einen weitgefächerten Strauß aus Symptomen, die man entwickeln kann. Es gibt Menschen, die Husten haben, unter Atembeschwerden leiden, Sauerstoff brauchen. Andere leiden eher unter Durchfall, wieder welche unter Übelkeit und Gliederschmerzen. Einige haben Fieber, manchen ist schwindelig. Dann spielt für uns eine Rolle: Wie alt ist der Patient? Welche Vorerkrankungen hat er? Müssen wir davon ausgehen, dass das Immunsystem eher schwach ist, oder ist es ein 30-jähriger, grundsätzlich gesunder Mensch? All das wägen wir dann ab.
Vor einigen Tagen ist bei Ihnen der erste Patient wegen einer Corona-Infektion gestorben...
Ja, es war leider zu erwarten, dass das irgendwann eintritt. Es handelte sich um eine ältere Person mit entsprechenden Vorerkrankungen.
Wenn Sie die Zeit vom Aufbau der Station Ende Februar bis heute Revue passieren lassen: Was ist seither alles dazugekommen?
Die anfänglichen drei bis fünf Betten sind längst aufgestockt worden. Wir haben inzwischen alle 18 Zimmer der Station so wieder hergerichtet, dass sie Patienten aufnehmen können. Bislang handelt es sich dabei um Einzelzimmer. Prinzipiell aber könnten wir in Absprache mit der Hygiene auch zwei Corona-Patienten auf ein Zimmer legen. Außerdem sind im Klinikum Bremen-Mitte mittlerweile zusätzliche Kapazitäten für Corona-Patienten auf weiteren Stationen entstanden und werden geplant.
Wo kommen die Patienten hin, die beatmet werden müssen?
Die Menschen, die beatmet werden müssen, können nicht bei uns auf der Isolierstation bleiben. Sie kommen auf die Intensivstation.
Und womit rechnen Sie? Wie wird es in 14 Tagen bei Ihnen aussehen?
Das lässt sich nicht sicher vorhersagen. Aber wir bereiten uns auf eine deutliche Zunahme an Personen mit Corona-Infektion vor. Außerdem rechnen wir damit, dass die Zahl derer deutlich ansteigen wird, bei denen die Krankheit schwer verläuft.
Schriftzug "Gesundheit Nord - Klinikverbund Bremen" vor dem Klinikum Bremen-Mitte (Achivbild)
Auch Klinik-Personal aus anderen Abteilungen wird für die Arbeitsabläufe geschult.
Wieso?
Anfangs hatten wir viele junge Menschen bei uns, die die Infektion aus dem Skiurlaub mitgebracht haben. Doch schon jetzt kommen nach und nach mehr Ältere zu uns, die gar nicht im Urlaub waren, und die anfälliger sind für einen schweren Krankheitsverlauf. Wir wissen oft nicht mehr, bei welcher Gelegenheit und über welche Kontaktpersonen sie sich infiziert haben. Daran sehen wir, dass sich das Virus immer weiter in der Bevölkerung ausbreitet. Daher rechnen wir schon für die nahe Zukunft und für alle Bremer Krankenhäuser mit einem erheblichen Zuwachs an Patienten, die mit dem Coronavirus infiziert sind. Wir versuchen uns darauf so gut wie möglich vorzubereiten.
Wie machen Sie das?
Wir sind dabei, immer mehr Personal auszubilden, organisieren Fortbildungen für Ärzte und für das Pflegepersonal. Sie kommen zu uns, um mit den derzeitigen Patienten schon einmal die täglichen Abläufe und Therapien kennenzulernen. Zudem unterstützt uns ein sehr großes, engagiertes Team in Bezug auf die Logistik und kümmert sich um Materialien, Organisation und Koordination.
Das hört sich nach einer Ausbildung an, für die man normalerweise Monate oder sogar Jahre benötigt. Aber diese Zeit haben Sie doch gar nicht...
Nein, es handelt sich ja um bereits ausgebildete Ärzte und Pfleger. Sie müssen sich nur mit der Coronavirus-Infektion und entsprechenden Komplikationen sowie den Schutzmaßnahmen vertraut machen. Die entsprechenden Abläufe sind dem Personal der internistischen Stationen und vieler anderer Bereiche in der Regel weitgehend bekannt, weil sie grundsätzlich viel mit Infektionskrankheiten zu tun haben.

Aber wir sind auch dabei, Personal aus anderen Abteilungen bei uns auszubilden: Fachkräfte, die normalerweise zum Beispiel in den chirurgischen Fächern arbeiten. Viele helfen uns schon jetzt tatkräftig. Es ist schön für uns zu sehen, wie viel Unterstützung wir aus dem Krankenhaus erfahren. Die Klinik wächst zusammen. Allen ist klar: Das ist jetzt eine besondere Herausforderung. Da müssen alle anpacken.

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Video vom 19. März 2020
Ein Arzt mit Mundschutz, Netzkappe, Handschuhen und Ärztekittel.

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Autor

  • Alexander Schnackenburg

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 20. März 2020, 19:30 Uhr