Flucht aus Mariupol nach Bremen: Erinnerungen wie aus einem Horrorfilm

Menschen aus Mariupol stehen vor einem zerstörten Gebäude, 9. Mai 2022
Viele Häuser in Mariupol sind durch die Bomben komplett zerstört, für Zivilisten gibt es kaum noch Infrastruktur. Viele sind bereits aus der Stadt geflohen – zwei von ihnen sind Anya und ihr Sohn Artem. Bild: DPA | AA | Leon Klein

Die Welt schaut auf Mariupol: eine zerstörte Stadt, ukrainisches Militär ohne Nahrung und Medizin. Und Zivilisten – zwei von ihnen sind Anya und ihr Sohn.

Putins Krieg verursacht eine der größten humanitären Katastrophen in Mariupol. Die Straßen sind übersät mit den Leichen von Zivilisten. Mancherorts begraben Nachbarn Bekannte im Garten ihrer Häuser.

Die Flucht raus aus der Ukraine

Eine Mutter und ihr Sohne sitzen vor einem Regal mit Spielzeug
Anya und ihr Sohn Artem sind froh wieder in Sicherheit zu sein. Bild: Radio Bremen | Anna Chaika

Anya (38 Jahre) und ihr Sohn Artem (8 Jahre) sind am 17. März aus Mariupol geflohen und kamen am 24. März in Bremen an. Die Familie wird die drei Wochen unter Beschuss und die anstrengende Woche auf der Flucht niemals vergessen. Tagelang versteckten sie sich mit 70 weiteren Menschen in einem Keller. Während Schüsse fielen suchten sie nach Essen und mussten wochenlang ohne warmes Wasser und warme Nahrung auskommen.

In einer Nacht, das war die schlimmste Nacht meines Lebens, lag ich Arm in Arm mit Artem unter einer Decke und wurde wach als das ganze Gebäude vibrierte, alles wackelte. Artem hält sich immer noch die Ohren zu und weint, wenn er ein lautes Geräusch hört. Die Explosionen dauerten an, alle zwei Minuten: bumm, bumm, bumm! Als eine Bombe oder Rakete genau in unseren Garten fiel, begann das Haus zu beben und wir rannten alle raus in den Garten, rannten zum nächsten Haus und saßen dort im Flur, zitternd, betend und lasen das 'Vater unser'. In dieser Nacht entschied ich, dass ich um jeden Preis fliehen muss.

Anya, Geflohene aus der Ukraine

Versteckt in einem Luftschutzkeller in Mariupol hörte Anya wie einige Familien planten eigenständig zu fliehen, weil es keine Fluchtkorridore gab und die Stadt bereits von der Infrastruktur abgekoppelt und fast niedergebrannt war.

Ich flehte diese Menschen an uns mitzunehmen. Sie waren einverstanden, aber es war nicht genug Platz für meinen Vater. Er ist im Rentenalter, 68 Jahre alt. Ich verstand, dass mein Vater möglicherweise nicht überleben würde und ich ihn zum Sterben dort lassen würde. Die Wahl war zwischen Artem und Papa. Und ich bin mit Artem geflohen.

Anya, Geflohene aus der Ukraine

Mariupol – Mangush – Berdyansk – Zaporizhzhya – Kovel. Anya erinnert sich, wie vor ihren Augen russische Raketen das Dramatheater in Mariupol trafen, in dem sich noch Menschen versteckt hielten. Auch während der Flucht bleibt das Gefühl der Angst und Panik. Ihr einziger Gedanke war wegzurennen.

Die Strecke war schwierig, wir mussten sogar durch ein Minenfeld laufen. Kann man sich das vorstellen? Der Fahrer stoppte den Bus im Feld und sagte: 'Steigt aus, der Bus wird hier nicht durchkommen. Aber seid vorsichtig, links und rechts sind Sprengfallen.' Also gingen wir vierzig Minuten unter freiem Himmel, dann versteckten wir uns in einem Feld und hielten den Kindern mit der Hand den Mund zu damit sie keine Geräusche von sich geben. In der Nähe hörte man Soldaten schießen.

Anya, Geflohene aus der Ukraine

Anya sei teilweise von der Absurdität einiger Situation überrascht gewesen. Sie erinnert sich: "Man gab uns Kekse und Saft als wir in Zaporizhzhya den Russischen Check Point überquerten. Sie zerstören meine Stadt, ich bin gezwungen, mein Zuhause zu verlassen und flüchte, weil sie hier schießen. Und nun gibt man mir Kekse und Saft. Das ist Heuchelei!“.

Aus Mariupol über Polen und bis nach Bremen

Anya und Artem wurden von Kovel nach Polen evakuiert. Sie sagt, sie hätten nicht geplant, nach Bremen zu kommen. Aber sie wären überall hingegangen, nur um dem Krieg zu entgehen.

Auf dem Weg von Polen nach Deutschland war Artem sehr krank. Ihm war übel, er hatte Nasenbluten und Fieber. Als wir in Berlin aus dem Bus stiegen, wurde Artem bewusstlos. Während des Kriegs hat er rund drei Kilo abgenommen. Wir wurden sofort vom Roten Kreuz zur Seite genommen. Ich wusste, dass all das Kleinigkeiten waren, weil wir jetzt hier waren, weit weg vom Krieg, in Sicherheit.

Anya, Geflohene aus Mariupol

Von Berlin aus wurden die beiden nach Bremen verteilt, 2.5000 Kilometer von ihrer Heimat Mariupol. "Auf der einen Seite wird man ruhiger, weil es so weit weg von den russischen Bomben ist. Auf der anderen Seite ist es unheimlich, weil es so weit weg von Zuhause und meinem Vater ist", erzählt Anya.

Anyas Vater stirbt im Mai in Mariupol

Aber ihr Vater, Artems Großvater, habe nicht auf sie gewartet. Er starb Anfang Mai. "Er konnte nicht mal begraben werden. Er lag einfach eine Woche in seiner Wohnung. Ich konnte nichts tun. Schließlich wurde Papa im Park begraben in dem wir oft mit den Kindern spazieren gingen. Jetzt ist dort ein kleiner Friedhof."

Ich fühle mich schuldig ihn in Mariupol zurück gelassen zu haben. Es kommt mir vor, als könnte er noch am Leben sein, wenn ich nicht gegangen wäre.

Anya, Geflohene aus der Ukraine

Nun sitzt Anya in ihrer neuen Küche in einer kleinen Wohnung dicht am Zentrum von Bremen. Neben ihr liegt Artem auf dem Sofa und spielt ein Spiel auf dem Handy. Nach der Evakuierung nach Bremen kamen sie zunächst für einen Monat in einer Flüchtlingsunterkunft unter. Endlich haben sie eine eigene Wohnung gefunden.

Es waren zwölf von uns in einem Raum in der Messehalle, aber ich habe mich nicht beschwert. Ich war froh, weil es warmes Wasser gab, ein weiches Bett und keine Raketen und weil wir Essen bekamen. Ich war schockiert, als ich sah, dass Brötchen weggeworfen wurden, weil die Leute sie nicht gegessen hatten und sie am nächsten Tag trocken gewesen wären. In dem Moment war ich hysterisch, weil es Brötchen in Mariupol schon seit langer Zeit nicht gab.

Anya, Geflohene aus Mariupol

Anya erfährt von Freunden von den Ereignissen in ihrer Heimat

Anya verfolgt das Geschehen in ihrer Heimat nicht in den Nachrichten, sondern aus erster Hand. Viele ihrer Freunde und Verwandten sind dort geblieben.

Nach dem, was meine Freunde sagen, sind immer noch viele Leute in Mariupol. Sie hängen an ihrem Zuhause, an ihren Orten, und sind nicht bereit ihr Leben radikal zu ändern und zu gehen. Ich fühle den Schmerz über das, was in Azowstal passiert. Wenn ich sehe, wie die Leute dort ihr Bestes geben, um Mariupol zu verteidigen, obwohl die ganze Stadt schon besetzt ist… Ich weiß nicht wie ich ihnen helfen kann? Aus irgendeinem Grund hassen uns die russischen Soldaten so sehr. Ich verstehe nicht warum.

Anya, Geflohene aus der Ukraine
Ein verletzter ukrainischer Kämpfer im Azovstal wird versorgt
Ein verletzter ukrainischer Soldat wird im Stahlwerk behandelt. Bild: @Kazatsky_D via Twitter

Hunderte ukrainische Armeeangehörige, Männer und Frauen, verteidigen Mariupol weiter und gerieten auf dem Gelände des Azowstal Stahlwerks unter Beschuss. Für die Ukrainer ist Azowstal zu einem Symbol für Furchtlosigkeit und Würde geworden.

Am Montag wurden Teile des ukrainischen Militärs vom Azowstal-Gelände evakuiert. Sie haben die letzten Wochen der Blockade von Mariupol in den unterirdischen Luftschutzkellern des Werks verbracht. Wunden wurden vernäht und Gliedmaßen ohne Betäubung amputiert. Erschöpft, ohne Nahrung und Trinkwasser, nur mit abgekochten Wasser aus dem Industriebetrieb zum Trinken.  

Eine Frau in geblümtem Kleid schaut aus dem Fenster
Anya denkt mit Schrecken an die Ereignisse in ihrer Heimat. Bild: Radio Bremen | Anna Chaika

Einige von ihnen wurden in medizinische Einrichtungen in Novoazovsk und Olenivka gebracht. Diese Städte liegen im Gebiet der selbsternannten Volksrepublik Donezk (DPR). Präsident Volodymyr Zelenskyi erklärte, dass weiter an der Evakuierung ukrainischer Militärs gearbeitet wird. Azowstal beherbergt noch immer Kämpfer, die dringend evakuiert werden müssen.

Für Anya ist die Erinnerung an das Kriegsgeschehen wie ein Albtraum oder ein Horrorfilm. Sie weiß nicht, wann sie Mariupol oder ihr zu Hause das nächste Mal sehen wird. Aber sie wird niemals diejenigen vergessen, die sie gezwungen haben zu gehen.

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Bild: Radio Bremen

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