Interview

25 Tote – wie sich der Gebrauch illegaler Drogen in Bremen wandelt

Eine augenscheinlich benutzte und abgenutzte Spritze mit Schutzkappe liegt auf einem Gehweg
Bild: DPA | Bodo Marks

Die Zahl der Drogentoten ist nach einem erschreckenden Hoch in der Pandemie gesunken. Zum Tag gegen Drogenmissbrauch erklärt Eva Carneiro Alves vom Gesundheitsressort die Lage.

25 Menschen sind laut Gesundheitsressort im vergangenen Jahr im Land Bremen an den Folgen von Drogenkonsum gestorben. Im Jahr zuvor lag die Zahl mit 41 Verstorbenen deutlich höher. Während Bremen also einen Rückgang verzeichnet, wurden es bundesweit mehr: 1.826 Menschen starben 2021 in Deutschland durch den Konsum illegaler Drogen – und damit laut Drogenbeauftragter der Bundesregierung 15,5 Prozent mehr als im Vorjahr.

Frau Carneiro Alves, im Land Bremen sind 2021 weniger Menschen an Drogen gestorben als im Vorjahr. Wie erklären Sie das?
Jeder drogenbedingte Todesfall ist einer zu viel. Deswegen spielen Gesundheitsschutz und schadensminimierende Maßnahmen eine wichtige Rolle in der Bremer Drogenpolitik. Im Herbst 2020 wurden die Drogenkonsum-Container in Betrieb genommen, in denen drogenabhängige Menschen nicht nur unter hygienischen Bedingungen Suchtmittel konsumieren können, sondern auch zu den Risiken sensibilisiert und zu risikoarmen Konsumformen beraten werden. Viele Drogen-Konsumentinnen und -Konsumenten nehmen dieses Angebot in Anspruch.

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An welcher Art von Drogen sind Menschen im vergangenen Jahr gestorben?
In mehr als die Hälfte der Fälle war Heroin beteiligt. Viele sind an den Auswirkungen einer Mischung mehrerer Drogen, einige in Folge einer Langzeitschädigung verstorben. Häufig war auch Kokain oder Crack beteiligt. In einigen Fällen spielte der Gebrauch von psychoaktiven Medikamenten, wie Benzodiazepine, eine Rolle, in Einzelfällen auch Fentanyl und LSD. Die jüngste Person war zum Zeitpunkt des Todes 26 Jahre alt, die älteste 65.
Welche Auswirkungen hatte die Corona-Pandemie bislang auf den Drogenkonsum?
Wie sich die Corona-Pandemie auf den Drogenkonsum allgemein ausgewirkt hat, lässt sich nicht pauschal beantworten. Zum einen gibt es Hinweise darauf, dass einige Menschen den Konsum von Alkohol oder Stimulantien, zum Beispiel Amphetamine oder Kokain, zumindest phasenweise mangels Feiergelegenheiten reduziert oder auch eingestellt haben.

Zum anderen hat sich auch gezeigt, dass vorher schon riskant konsumierende Menschen ihren Konsum verstärkt oder abstinent lebende Menschen einen Rückfall erlitten haben. Denn durch die Pandemie wurden Armut, Existenzängste und psychische Probleme verschärft. Für einige ist der Drogenkonsum da eine Bewältigungsstrategie.
Inwiefern hat sich die Drogenszene in Bremen während der Pandemie verändert?
Das Umfeld des Bremer Hauptbahnhofs wird – wie in anderen großen Städten auch – von Menschen in prekären Lebenslagen zum Aufenthalt genutzt. Während der Corona-Pandemie hat sich der Zulauf deutlich erhöht, was auch auf die eingeschränkte Zugänglichkeit von Hilfseinrichtungen zurückzuführen ist.

Die Drogenszene, die schon vorher durch einen steigenden Crack-Konsum betroffen war, ist weiter angewachsen. Dabei ist eine zunehmende gesundheitliche Verelendung der betroffenen Menschen zu beobachten. Deswegen wurde die aufsuchende Straßensozialarbeit im Bahnhofsumfeld deutlich verstärkt, um die Menschen besser mit Hilfsangeboten erreichen zu können.
Gibt es generell – unabhängig von der Corona-Pandemie – Veränderungen, was den Drogenkonsum und die Drogenszene in Bremen betrifft?
Etwa seit 2018 steigt auch in Bremen der Crack-Konsum stark an, wie das schon früher in Hamburg oder Berlin geschehen ist. Crack ist ein rauchbares Derivat von Kokain und deutlich billiger. Die Abstände, in denen es konsumiert wird, sind bei abhängigen Menschen sehr kurz. Crack hat ein besonders hohes psychisches Abhängigkeitspoteztial und führt schnell zu massiven gesundheitlichen Schädigungen und einer starken Verelendung. Die Crack-Szene ist im Bereich rund um den Hauptbahnhof sehr präsent.

Gleichzeitig sind europaweit neue hochwirksame synthetische Cannabinoide und Opioide im Umlauf, was hohe gesundheitliche Risiken mit sich bringt. Cannabis, was durch neue synthetische Cannabinoide verfälscht wurde, stellt ein zunehmendes Risiko des versehentlichen Konsums dar. Neue Dosierungsformen für synthetische Cannabinoide, etwa E-Liquids und imprägnierter Papiere, werden auch in Bremen angeboten und haben für medizinische Notfälle gesorgt.
Heute findet der Internationale Tag gegen Drogenmissbrauch statt. Auf welche Präventionsmaßnahmen, aber auch Hilfsangebote für drogenabhängige Menschen setzt Bremen?
Bremen setzt auf Prävention, Frühintervention, Beratung und Gesundheitsschutz. Eine große Bedeutung haben auch die Substitutionsangebote der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte, der ergänzenden Methadonprgramme und die entsprechende psychosoziale Begleitung.

Für den Gesundheitsschutz wurden, wie bereits erwähnt, die Drogenkonsum-Container als Übergangslösung eingerichtet. Sie werden perspektivisch mit den niedrigschwelligen Angeboten des Kontakt- und Beratungszentrums in den Integrierten Drogenkonsumraum zusammenziehen. So wird dann medizinische Versorgung, Substitution, Aufenthalt und überwachter Drogenkonsum an einem Ort möglich sein.

Künftig werden auch die kontrollierte Abgabe von Cannabis und "Drug-Checking" eine wichtige Rolle beim Gesundheitsschutz spielen. Das wird gerade auf Bundesebene rechtlich abgesichert.

Welche Folgen haben die Polizei-Kontrollen am Bremer Hauptbahnhof?

Bild: DPA | Carmen Jaspersen

Autorin

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 26. Juni 2022, 19:30 Uhr