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Suche nach Atommüll-Lager: Kommt auch Bremen infrage?

Wohin mit dem Atommüll? Seit Jahren beschäftigt die Frage Politik und Anwohner. Nun wird die Suche konkreter und auch in und um Bremen gibt es denkbare Orte.

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Auch dieser Standort in Bremen-Nord käme theoretisch infrage. Bild: Radio Bremen

Besorgt sind die Menschen, die in direkter Nachbarschaft mit zwischengelagerten Castoren leben müssen. Die Bilder der Proteste bei den Castortransporten nach Gorleben sind bekannt. Wasserwerfer. Menschen, die sich auf den Gleisen festketten. Die Polizei im Kampf gegen die Demonstranten. Diese Bilder könnten sich bald anderswo abspielen, denn ein Atommüllendlager wird gesucht und am Montag, den 28. September, gibt es von der zuständigen Bundesstelle für Endlagerung in Peine den ersten Bericht, welche Standorte in Frage kommen könnten.

Karte von Greenpeace und "ausgestrahlt" zeigt Standort-Optionen

Fragen dazu werden bis zur Verkündung nicht beantwortet, aber gesucht wird wie im Zwischenlager Gorleben ein geeigneter Salzstock. Und da hat Greenpeace geowissenschaftliche Daten ausgewertet und die Anti-Atomorganisation "ausgestrahlt" daraus eine Karte erstellt mit möglichen Standorten. Fünf sind in der Region Bremen zu finden — zwei davon in Bremen selbst. Auf der Karte eingezeichnet sind Burg-Grambke und Salzstöcke zwischen Horn-Lehe und Lilienthal. Der Lesumspeicher in Burg-Grambke mit neun Gaskavernen diente lange als Lagerplatz für Gas, mittlerweile werden einige davon mit Wasser geflutet. Burglesums Ortamtsleiter Florian Boehlke glaubt jedoch nicht daran, dass der Standort in die engere Auswahl kommt, denn die Kavernen sind seiner Meinung nach zu klein. Außerdem würde der Standort in einem Ballungsraum liegen. Boehlke schließt das aus.  

Großer Salzstock in Rotenburg als mögliches Lager?

Anders ist die Lage 30 Kilometer weit von Bremen entfernt in der Gemeinde Reeßum. In dem Dorf Taaken im Landkreis Rotenburg sind die Anwohner mehr als nervös, denn unter ihnen liegt ein riesiger Salzstock, fast 200 Quadratkilometer groß. Als in den 70er-Jahren um die Wahl des Zwischenlager-Standortes gerungen wurde, stand schon damals der Landkreis Rotenburg in der engeren Auswahl. Gemeindebürgermeister Marco Körner fühlt sich schlecht informiert, er kann Fragen der Menschen in seiner Gemeinde nicht beantworten. Wie sicher ist ein atomares Zwischenlager? Was passiert mit uns? Wer will noch bleiben?

Gespannt schauen die Dorfbewohner nun nach Berlin, wo am Montag die möglichen Standorte genannt werden. "Eine hohe zweistellige Zahl", wie es aus Peine heißt. Am 17./18. Oktober gibt es dann den ersten Erörterungstermin in Kassel, federführend wird das Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung sein. Im Februar und Juni 2021 folgen die nächsten Termine, dann geht es um die Untersuchungen der Salzstöcke. 2031 soll dann der Standort verkündet werden, 2050 wird nach den Planungen der Betrieb aufgenommen. Und die Lagerung dauert dann eine Million Jahre. 

Standort finden – und dann? Fragen an Anti-Atomkraftbewegung "ausgestrahlt"

Wie sicher kann der Atommüll eigentlich gelagert werden – ab 2050, wenn ein Lager gefunden ist? Solche Fragen wird Jochen Stay demnächst wohl öfter hören. Er ist Sprecher von "ausgestrahlt" – dem Verein von Kernkraftgegnern, einer Anti-Atomkraftorganisation, die den Atomausstieg im Auge hat.

Seit 2017 gibt es das Standortauswahlgesetz zur Lagersuche, jetzt wird es ernst. Ihr Telefon wird nach Verkündung der möglichen Standorte häufig klingeln …
Natürlich werden erst einmal alle Menschen sagen, wenn jetzt die Nachricht kommt, dass sie den Müll nicht haben wollen. Was man ja auch nachvollziehen kann, weil es gefährlich ist. Es wird kein völlig sicheres Lager geben, aber am Ende muss der Müll natürlich irgendwo hin. Er ist da, man kann nicht sagen: "Atommüll – nein danke". Das funktioniert nicht. Aber entscheidend ist, dass es ein faires und gerechtes Verfahren ist und daran habe ich meine Zweifel. Und wenn Menschen sich wehren, weil es nicht fair und gerecht zugeht, weil am Ende politisch ein Standort ausgewählt wird, der vielleicht gar nicht der beste ist, dann ist es berechtigt, dass sich die Menschen wehren.
Wie läuft für "ausgestrahlt" das Verfahren?
Es gibt ein stufenweises Auswahlverfahren und in jeder Stufe trifft der Bundestag die Auswahl-Entscheidung. Das ist sehr ungewöhnlich. Normalerweise laufen Planungsverfahren in Deutschland im gesetzlichen Rahmen, den der Bundestag macht. Aber dann wird von den Behörden entschieden. Hier ist es anders und die Gefahr ist groß, dass dann bestimmte Bundesländer, bestimmte Abgeordnete versuchen, ihre Region zu schützen, indem sie Mehrheiten im Bundestag organisieren, damit bestimmte Standorte rausfallen. Dann besteht die Gefahr, dass der Ort übrig bleibt, der die geringste Hausmacht im Bundestag hat.
Glauben Sie, dass der Zeitplan eingehalten wird und 2050 der erste Atommüll eingelagert wird?
Das glaubt eigentlich niemand, weil die Zeit viel zu kurz angesetzt ist. Das ist das große Problem, weil das Verfahren selbsthinterfragend und lernend sein soll. So steht es im Gesetz, aber bei dem immensen Zeitdruck durch das Datum 2031 entstehen Fehler. Zeitdruck erzeugt Fehler, denn man hat keine Zeit, noch einen anderen Weg auszuprobieren. Es ist schon jetzt so, dass die Bundesregierung massiven Druck auf die Behörden ausüben und das ist keine gute Idee.

Atommüll: In der Bremer Region könnte ein Endlager entstehen

Video vom 26. September 2020
Ein Schild warnt vor atomarer Strahlung.
Bild: Radio Bremen

Autor

  • Holger Baars Redakteur und Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 26. September 2020, 19:30