Coronageschichten

Endlich Besuch im Heim: "Meine Mutter hat mich nicht mehr erkannt"

Eine Maske auf einem Tisch in einem Pflegeheim.
Über Wochen waren in Pflegeheimen keine Besuche erlaubt, dann nur 45 Minuten einmal die Woche. Nun kann Ulrike täglich kommen. (Symbolbild) Bild: DPA | Frank Molter

Ulrike, aus Bremen-Nord:
"Für uns ist das im Moment eine ganz schlimme Zeit. Meine Mutter ist im Februar von der Treppe gestürzt. Sie ist dement und mein Vater ist auch schon seit zehn Jahren krank. Dann kam eines zum anderen. Meine Mutter musste operiert werden. Eine OP ist für Demenzkranke sehr schlimm. Sie war über eine Woche im Delirium und es war klar, es geht nicht mehr nach Hause. Zeitgleich hatte mein Vater drei Krankenhaus-Aufenthalte innerhalb von einer Woche. Er hat COPD. Er hat dann eingewilligt, dass er auch mit ins Altersheim zieht.

Ich habe das Glück gehabt, für beide im gleichen Heim einen Platz zu bekommen. Es hat jeder ein Einzelzimmer. Ich wohne in Bremen-Nord und es ist ein ganz tolles Heim, die sich ganz toll bemühen. Um ihnen die Eingewöhnung zu erleichtern, bin ich jeden Tag hingefahren, das waren zwei Wochen und dann kam Corona. Dann durften wir von heute auf morgen gar nicht mehr hin.

Dann habe ich erstmal dafür gesorgt, dass mein Vater wenigstens ein Telefon bekommt und wir haben täglich telefoniert. Mit meiner Mutter telefonieren geht nicht, das kriegt sie nicht mehr hin. Es war die Hölle, das muss ich sagen. Ich war immer nur auf Informationen vom Pflegepersonal angewiesen. Die haben sich sehr, sehr viel Mühe gegeben und machen das immer noch - aber sie können unseren Kontakt einfach nicht ersetzen.

Bei meinem Vater kam dann hinzu, dass er zur Kriegsgeneration gehört und fünf Jahre in russischer Kriegsgefangenschaft war und an Klaustrophobie leidet. Er fühlt sich eingesperrt. Dazu ist er 93 Jahre alt und hat auch eine beginnende Demenz. Er verstand nicht mehr, warum ich nicht kommen durfte.

Ulrike
Ein gemeinsames Bild aus der Vor-Corona-Zeit: Ulrike und ihre Mutter. Bild: Ulrike

Als jetzt die Lockerungen kamen, durfte ich einmal die Woche hin und habe beide zusammen für 45 Minuten gesehen. Meine Mutter hat mich nicht mehr erkannt, das hat ganz lange gedauert, bis sie wusste, wer ich bin und mein Vater hat nicht verstanden, warum wir nicht in sein Zimmer oder den Garten gehen dürfen, warum wir da mit Mundschutz sitzen müssen. Meine Mama hat ganz doll geweint, weil ich sie nicht in den Arm nehmen darf. Es ist ganz ganz schwer. Mir kommen da sofort die Tränen. Man kann es ihnen nicht mehr erklären. Sie sind in einer Phase, wo es der Kopf nicht mehr versteht.

Mein Vater macht die Klaustrophobie zu schaffen, er spricht von Freiheitsberaubung und man musste ihn ins Krankenhaus einweisen, weil er richtig durchgedreht ist. Und meiner Mama kann ich das nicht mehr erklären.

Psychisch ist das für mich sehr schwer, das überhaupt zu verarbeiten. Ich habe auch für alles Verständnis, was in den letzten Monaten passiert ist, und dass das auch sein muss. Aber ein komplettes Kontaktverbot über einen so langen Zeitraum, das finde ich schon etwas zu viel des Guten. Man hätte schon früher anfangen können mit Besuch mit Masken oder so. Mein Eindruck ist, dass die Politik an die alten Menschen und ihre Angehörigen zuletzt gedacht hat.

Wenigstens gibt es jetzt einige Lockerungen mehr, so dass ich täglich für zwei Stunden hinfahren könnte. Aber wenn ich die letzten Wochen gesehen habe, dass die Einkaufszentren voll sind, die Leute nur nach ihrem Urlaub jammern - da denke ich dann: Ihr wisst doch gar nicht, was in der Welt los ist. Da habe ich kein Verständnis für - ich möchte einfach nur meine Mama in den Arm nehmen."

(Interview vom 17. Juni 2020)

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 16. Juni 2020, 19:30 Uhr